Das gemeindliche Leben erodiert

Ein Zeitfenster für rettende Wege gilt nur noch ein bis zwei Jahrzehnte

In der Zeitschrift SAUERLAND habe ich bereits zwei Mal über den Rückzug der Kirche aus unseren Dörfern geschrieben (Heft 3/2006: „Vom Ende einer Kirchengestalt. Über die Folgen des anwachsenden Priestermangels“ und 2/2010: „Traditionsabbruch und Neubeginn. Wie die Kirche im Dorf bleiben kann“).

Im ersten Beitrag wurde statistisches Material über die Situation der Gemeinden und die Entwicklung des Priestermangels ausgebreitet und deutlich gemacht, dass die bisherige Klerikerkirche ein Auslaufmodell ist. Es wurde aber auch gesagt, wenn die Gemeinden sich nicht länger nur „versorgen“ lassen sondern ihre eigenständigen Möglichkeiten aufgreifen wollen, könne der Mangel zugleich die Wende zu einer vitaleren Zukunft werden, die von der Klerikerkirche zu einer Kirche der Kooperation und Mitverantwortung führe.

Der zweite Beitrag befasste sich mit der pastoralen Neuordnung der Seelsorgsbezirke: Die bisherigen 213 Pastoralverbünde wurden zwei Jahre zuvor im gesamten Erzbistum Paderborn auf etwa einhundert reduziert. Im Hochsauerlandkreis wurden die bis dahin 131 Pfarreien zu 30 neuen Pastoralverbünden zusammengeschmolzen, „um Planungs- und Struktursicherheit für den Zeitraum bis 2030 gewährleisten zu können“ und „die Zukunftsfähigkeit des Erzbistums in der heutigen Gesellschaft zu stärken“. In den kommenden Jahren werden diese noch einmal auf nur zehn Pastoralverbünde und zwei Großpfarreien reduziert. Das neue Dekanat Olpe deckt sich mit dem Gebiet des Kreises Olpe und umfasst statt bisher 14 Pastoralverbünden derzeit nur noch sieben, demnächst nur sechs, da Drolshagen zu Olpe soll.

Diese neue Einteilung gilt allerdings nur für die nächsten achtzehn Jahre, um wenigstens „die Arbeitsbedingungen zu sichern“. Über die Entwicklung nach 2030 könnten die vorliegenden Daten zwar auch schon heute Prognosen gestatten, doch will hier kein deutscher Bischof über die eigene Amtszeit hinaus ein Ende der bisherigen Kirchengestalt einräumen. Denn bleibt es bei der herrschenden Immobilität Roms und der Bindung der Bischöfe an die bestehende Ordnung, ist mit einer ständigen Vergrößerung der Räume bei einem weiter schrumpfenden Restbestand überforderter Kleriker zu rechnen. Irgendwann gibt es dann nur noch „pastorale Zentren“ in Arnsberg, Meschede, Warstein, Marsberg, Schmallenberg, Attendorn und Olpe, – oder gar nur noch dem „Pastoralverbund Sauerland“? Ist das Schwarzmalerei angesichts der heute 5 oder 6 Priesterweihen pro Jahr in Paderborn – die ja auch nicht voll verfügbar werden, sondern durch Überforderung, Resignation, Krankheit, Todesfall und Verwaltungseinsätze zusätzliche Einschränkungen erfahren?

Stimmen zur kirchlichen Situation

Angesichts dieser alarmierenden Verhältnisse überrascht es, dass immer noch nicht nüchtern die Situation bedacht und beraten wird. Die Kirchenpresse versucht, die monströs wachsenden Großraumpfarreien mit Modernisierungsaspekten zu rechtfertigen oder sie gar schön zu reden. Die Bistumsleitungen stellen sich ungern öffentlichen Diskussionen, obwohl sie dies Klerus und Gemeinden schuldig sind. Dass sie auf diese Weise – dem Kirchenrecht entsprechend – vor allem die sogenannten Laien vor der Tür halten und als Gesprächspartner ignorieren, wird Spätfolgen haben. Die Einschätzung des Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, „dass wir in den nächsten Jahren in einem Zeitfenster sind, in dem sich für die weitere Entwicklung der katholischen Kirche in Deutschland viel entscheiden werde“, gilt vor allem für die Entwicklung des Seelsorgsstrukturen.

Die alarmierende Situation betrifft das Sauerland und seine dörflichen Pfarreien mehr als großstädtische Bereiche. Dennoch ist es kein regionales Problem sondern eine Überlebensfrage für das gesamte Mittel- und Westeuropa. Darum zunächst einige Stimmen zur Situation.

Im Januar 2011 wandte sich ein Kreis prominenter CDU-Politiker an die deutschen Bischöfe mit der Bitte, wegen der „besorgniserregenden Zunahme des Priestermangels …, die Zulassung von viri probati (bewährten aber verheirateten Männern) zur Priesterweihe zu ihrem eigenen Anliegen zu machen und sich dafür in der Gemeinschaft der Bischöfe der Weltkirche und vor allem in Rom mit Nachdruck einzusetzen“. Bundestagspräsident Lammert warf in einem anschließenden Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung dem Vatikan vor, er beschäftige sich „mit dem Problem in einer Weise, die diesem absolut nicht gerecht wird“. Weil offensichtlich die Kirchenoberen glaubten, das Problem „aussitzen“ zu können, müssten nun die katholischen Laien die Sache selbst in die Hand nehmen. „Ich wünsche mir auch mehr Tapferkeit von deutschen Bischöfen in dieser Frage.“

Fast gleichzeitig stellten die deutschsprachigen Theologen in ihrem „Memorandum Freiheit“ fest: „Christliche Gemeinden sollen Orte sein, an denen Menschen geistliche und materielle Güter miteinander teilen. Aber gegenwärtig erodiert das gemeindliche Leben … Historische Identitäten und gewachsene soziale Netze werden aufgegeben. Priester werden ‚verheizt’ und brennen aus. Gläubige bleiben fern, wenn ihnen nicht zugetraut wird, Mitverantwortung zu übernehmen und sich in demokratischeren Strukturen an der Leitung ihrer Gemeinde zu beteiligen. Das kirchliche Amt muss dem Leben der Gemeinden dienen – nicht umgekehrt. Die Kirche braucht auch verheiratete Priester und Frauen im kirchlichen Amt.“

Ähnlich kritisierte der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz die Seelsorgsplanung der katholischen Kirche in Deutschland. Durch ihre sich ständig vergrößernden Seelsorgsbezirke wachse auch der Beteiligungsschwund der Menschen. Er forderte die Bischöfe auf, „endlich damit ernst zu machen, dass sie nicht nur zum jeweiligen Papst gehören, sondern auch zu ihren Gemeinden“, deren Rechte sie in Rom viel energischer einfordern müssten.

Die österreichische Laieninitiative „Wir sind Kirche“ fragte: „Muss erst ganz Österreich zu einer einzigen Pfarrei schrumpfen oder die Selbstmordrate deutlich steigen, damit die Herren auf den Bischofsstühlen einen Notstand in der Kirche erkennen?“ Eine österreichische Pfarrer-Initiative erließ einem „Aufruf zum Ungehorsam“, dem sich über 400 Pfarrer anschlossen und erklärte: „Wir werden möglichst vermeiden, an Sonn- und Feiertagen mehrfach zu zelebrieren oder durchreisende und ortsfremde Priester einzusetzen. Besser ein selbstgestalteter Gottesdienst als liturgische Gastspielreisen.“ Der Sprecher dieser Initiative, Helmut Schüller, sagte: Wir haben die Vermutung, wenn nicht sogar die Gewissheit, dass die Bischöfe die Pfarreien aufgegeben haben.“ Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn habe es ja eindeutig formuliert: Die schwindenden Priesterzahlen seien eigentlich kein großes Problem, denn er brauche „nur mehr die Hälfte der Priester, weil auch nur mehr die Hälfte der Leute zu den Gottesdiensten kommt.“ Damit allerdings, antworten ihm die Pfarrer, verdränge der Kardinal, dass das Leben der Kirche nicht nur aus Eucharistiefeiern bestehe. Zum andern frage er sich offenbar auch nicht, warum die Leute wegblieben und wie man das ändern könne. Schließlich wird doch wohl ein theologischer Defekt angezeigt, wenn Priester nur noch mit Sonntagsmesse statt mit Gemeindeleben und umfassender Seelsorge verbunden gedacht werden.

Wie extrem sich bischöfliches Denken verhaspeln kann, exerzierte in diesem Jahr der Bischof von Augsburg, Konrad Zdarsa. Innerhalb der nächsten dreizehn Jahre, will er die rund 1000 Pfarrgemeinden seiner Diözese auf nur 200 zusammenlegen. Obwohl heute schon die Hälfte seiner aktiven Priester über siebzig Jahre alt ist, verengt er sein Kirchenkonzept weiterhin auf den sonntäglichen Eucharistiegottesdienst, ohne eine Perspektive zu haben, wie dies nur zehn Jahre später noch praktizierbar sein soll. Im gleichen Text, mit dem er seine Megagemeinden beschreibt, verbietet er sonntägliche „Wortgottesdienste“, die in den derzeitigen Gemeinden noch möglich wären, wenn man den „Laien“ dazu Rechte und Hilfen einräumen wollte. Die Leute sollen dorthin gehen, wo noch Messe gelesen wird, und die Priester sollen von einem Altar zum anderen hasten. Alle sollen sich bewegen, nur die Entscheidungsträger der Kirche bewegen sich nicht.

Was im Bistum Augsburg vor sich geht, ist nicht Ausnahme sondern die reguläre römische – und damit auch deutsche – bischöfliche Richtschnur: Der Klerus schottet sich ab gegen die Laien. Die Zahl der verbleibenden Priester bestimmt die Zahl der verbleibenden Seelsorgsbezirke. In Paderborn gilt die vorläufige Berechnung noch vorhandener Priester und zu „versorgender“ Pastoralverbünde (siehe „Sauerland“ 2/2010) bis zum Jahr 2030; danach bleibt auch hier nichts anderes übrig als die bereits weit überdehnten Megaverbünde erneut zu vergrößern – bis dann zwanzig, dreißig Jahre später das System endgültig kollabiert und nur noch eine Kirche der Denkmalpflege überdauert, die voll damit beschäftigt ist, Besitz und überkommene Ansprüche zu verwalten.

Der Schweizer Pastoraltheologe Leo Karrer meint, hier gehe „so etwas wie ein Kulturkampf gegen die Moderne im eigenen Haus“ vor sich. Man storniere „die Reformschritte, die pastoral so dringend nötig und theologisch möglich sind.“ Er fragt aber auch: „Wo sind bei uns Gruppen und Verbindungen, die die konkreten Reformanliegen, die der Kirche Zukunft eröffnen, gelegen oder ungelegen anmahnen?“ Beim kirchlichen Personal kritisiert er „eine Anpassungswilligkeit an das System, auch wo es kirchentheologisch und pastoral weiterführende Alternativen zu erwägen gilt“. Stattdessen bezahle man „mit sich selber“.

Tatsächlich nehmen die Gemeinden alles, jedenfalls aber viel zu viel hin. Darum ist es ungerecht, nur das bischöfliche Denken und Handeln zu kritisieren. Statt zu sagen: Wenn kein Pastor mehr da ist, sind wir da, selbstverantwortlich! bleibt es über alle Zeiten hinweg bei der auf Katechismus und Gehorsam geeichten Passivität, ohne ein Bewusstsein von Selbstzuständigkeit, das sagen lässt: „Wir sind Kirche“.

Über priesterlose Gemeinden

Die bisherige Kirchentradition ist mit der Haltung verbunden, sie für unveränderlich oder gar gottgewollt zu halten. Die Realitäten der Gegenwart zwingen allerdings dazu, nicht mehr funktionierende Strukturen in neue Ordnungen zu überführen. So fragte Pater Friedhelm Hengsbach SJ beim Alternativprogramm zum Mannheimer Katholikentag am 17. Mai 2012: „Was muss geschehen, wenn die Bischöfe die Solidarität untereinander und mit der zentralen höheren Autorität als gewichtiger einschätzen als die Solidarität mit den ihnen anvertrauten katholischen Christen?“ Und antwortete, sie sollten sich selbst vernetzen und gemeinsam das tun, was sie in der Treue zur Botschaft des Jesus von Nazaret für richtig halten: „Auf die Zentralisierung der Mega-Pfarreien könnten sie mit Initiativen der pastoralen Nähe und der Liturgien des Lebens antworten.“ Dazu bieten sich drei Varianten an:

Das Modell Poitiers

Das erste Modell hat der französische Erzbischof von Poitiers, Albert Rouet, in seinem Sprengel entwickelt. In Nummer 3/2010 unserer Zeitschrift habe ich es vorgestellt. Bischof Rouet weigert sich, den ländlichen Raum zu entleeren. Sein Prinzip lautet: Nähe geht vor räumliche Weite. Menschen haben Vorrang vor Verwaltungsstrukturen. Kreative Beteiligung ist wichtiger als bürokratische Effizienz. Was Menschen vor Ort brauchen, geht jeder Sorge der Kirche um sich selbst vorauf. Deshalb müssen die Gemeinden nicht nur bestehen bleiben. Es sollen sich sogar neue Gemeinden bilden, wenn Menschen sich dafür mit eigenem Engagement entscheiden.

Eine ausschließlich vom Pfarrer abhängige Pfarrgemeinde gilt im Erzbistum Poitiers als überholt. „Wenn man befürchtet, dass die Laien nicht zum pastoralen Handeln fähig sind, warum firmt man sie dann?“ fragt der Bischof. Er will die Gemeinde nicht mehr vom Pfarrer her definieren.

Für eine örtliche Gemeinde werden fünf Verantwortliche verlangt. Sie sichern den sonntäglichen Gottesdienst, die Katechese der Heranwachsenden, die Betreuung der Alten, Kranken und Hilfsbedürftigen; auch die Gestaltung von Begräbnisfeiern … Natürlich sollen sie andere Menschen, die dazu geeignet sind, hinzuziehen. „Selbst wenn wir viele Priester hätten, wäre es normal, diese Gemeinden zu konstituieren.“ Aber die neuen Gemeinden werden nicht gebildet, um fehlende Priester zu ersetzen, sondern um das Christentum lebendig zu halten und viele Fähigkeiten in die Verantwortung einzubinden. Nun wird in jeder örtlichen Gemeinde alle Sonntage Gottesdienst gefeiert. Die Dorfkirche bleibt nicht geschlossen mit dem Hinweis, die nächste Heilige Messe finde zehn Kilometer entfernt statt. Die Kirchengemeinde existiert vor Ort.

Was diesem Kirchenmodell am meisten im Wege steht, ist die alte Furcht vor Demokratie in der Kirche. „Sagen wir es in aller Klarheit, hier geht es um Macht“, sagt Bischof Rouet. Diese Position will er dem Pfarrer nicht länger einräumen. Er wertet den heutigen Priestermangel als Chance, der Kirche eine neue Zukunft zu erschließen. So sind im Erzbistum Poitiers in zwölf Jahren pastoraler Arbeit bereits mehr als dreihundert örtliche Gemeinden neu entstanden. Das Empfinden von Schwäche und Schwund, das bis dahin geherrscht hat, nimmt ab. Spürbar lebt die Hoffnung auf. Die Menschen wandeln sich durch die Ausübung ihrer Aufgaben. Auch wenn das Beispiel Poitiers nicht einfach kopiert werden muss, ist es doch ein Modell, das kreativ auf deutsche Verhältnissen hin bedacht und übersetzt werden kann. Dann täuschen die Kirchtürme unserer Sauerländer Dörfer keine falsche Präsenz vor. Was Kirche sein kann gewinnt eine reifere Form christlicher Mündigkeit.

Poitiers ist ein Modell. Es fordert zunächst eine neue Einstellung zu den Fähigkeiten christlicher Laien heraus. Es mag in Eversberg anders diskutiert und realisiert werden als in Kirchrahrbach, aber allein der Umstand, dass es breit durchdacht und erprobt wird, weckt neue Kräfte. Falls es ein deutscher Bischof wagen würde, diesen Weg zu erproben, statt pauschal zu behaupten, man könne nicht Frankreich in Deutschland imitieren, würde er nicht verlieren, sondern mit den Zeichen der Hoffnung, die er setzt, einen neuen Horizont aufreißen. Er muss nur Vertrauen zu seinen Gemeinden haben, sie ermutigen, ihnen Anregungen geben, auch kreative Menschen, die im jetzigen Gefüge „nichts zu sagen“ haben, einbeziehen und er muss auf jenen Heiligen Geist setzen, der sonst nur dogmatisch zu Wort kommt. Dann wird die Wüste zu blühen beginnen; Initiativen werden entstehen, für die es bisher keine Phantasie gab, Gottesdienste verbinden sich mit meditativer Stille; liturgisch nicht festgelegte Feiern gestatten in Textwahl, Auslegung und Sprache mehr Kreativität als es das Ritual der Messfeier zulässt. Denn wenn es auch nicht gerne zugegeben, sondern mit theologischen Wertungen zurückgewiesen wird, ist doch zu sehen, dass für sehr viele Menschen die Voraussehbarkeit von Wort und Ritual in der Messe und die ständig gleichen Wiederholungen ein Problem darstellen.  Sie können damit nichts anfangen und wenden sich lieber Erfahrungen zu, die ihnen neue Impulse geben.

Das Modell „Kirche im Dorf“

Falls der Bischof den Mut zu solchen Wegen nicht aufbringt, sollte er dennoch sehen, dass er keine Pfarrer mehr stellen kann und gerade darum alles tun muss, um die Gemeinden vor Ort lebendig zu erhalten. Selbstgestaltete Gottesdienste an Samstagen und Sonntagen in den Dorfkirchen zu verbieten, um die Leute zu zwingen, in unterschiedlich entfernte Nachbarkirchen zu fahren, nimmt dem Bischof wie der Kirche insgesamt Glaubwürdigkeit. Es ist nicht darauf zu verzichten, weiterhin in christlichen Gemeinschaften und Gemeinden zu leben, miteinander Gottesdienst zu feiern, Gläubigen und Nichtgläubigen das Evangelium Jesu zu erschließen und es mit Gläubigen wie Nichtgläubigen in heutige Verhältnisse zu übersetzen. Wenn die Kirchen nicht zu Gräbern Gottes werden sollen, müssen sie sich mehr als sie es heute sind, zu Orten des Wortes und der Besinnung entwickeln. Sie dürfen auch Orte der Kultur sein, sollten aber nicht für Restaurants und Konzertsäle aufgegeben werden.

Vorgeordnet bleibt allerdings, dass der christliche Glaube primär Praxis ist. Darum muss vor jeder Liturgie der erste Ort des Gottesdienstes der Dienst an Menschen sein, den alle einander schulden. Die Kinder-, Jugend-, Familien-, Kranken-, Alten- und Armenseelsorge in der Gemeinde gehören hinzu, nicht als „Dienstpflicht“ eines Priesters, sondern als Aufgabe aller. Das verlangt die Begleitung der Menschen in gesunden wie in kranken Tagen, das Gespräch mit Kindern und Heranwachsenden, mit glücklichen und unglücklichen Menschen. Wenn sich aber „Kirche“ immer mehr in Megaräumen verflüchtigt, verlagert sich die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung aus den konkreten dörflichen Strukturen und verbindet sich mit den neuen Zentren. Das forciert den Verfallsprozess der Gemeinden, und dies um so heftiger, wenn die bestehende Abhängigkeit vom Klerus keine eigenständige Laienkompetenz und Verantwortung entstehen lässt – was das Kirchenrecht bisher ja auch nicht einräumt. Darum kann seitens der Bistumsleitung auch gar nicht genug getan werden, das Laienengagement in den Gemeinden systematisch zu bilden.

Das Modell „Priesterlose Eucharistiefeier“

Für die folgende Darstellung ist ein wenig Theologie zu bemühen. In can. 900 § 1 des Codex Iuris Canonici wird erklärt: „Nur der gültig ordinierte Priester vermag in der Person Christi das Sakrament der Eucharistie zu vollziehen.“ Das Kirchenrecht ist allerdings nicht der angemessene Ort, dogmatische Aussagen zu treffen und hinreichend abzuwägen. In der hier anstehenden Frage hat das Zweite Vatikanische Konzil genauer überlegt. Es hat zwar auch gesagt, „die vollständige Wirklichkeit“ der Eucharistie bedürfe des gültig geweihten Priesters, jedoch ergänzt, wenn ein solcher nicht vorhanden sei, bedeute dies keineswegs, dass die Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums in der Feier des Abendmahls nicht existiere. Entscheidend nach dem Dekret über den Ökumenismus, Art. 22, ist eine Gemeinschaft von Christen, die das Gedächtnis des Herrn, seines Todes und seiner Auferstehung in der Feier des Herrenmahles begeht. Im Kommentar zu diesem Dekret, den der am Konzilsprozess beteiligte Schweizer Theologe Johannes Feiner verfasste, heißt es, dass „nicht bestritten ist, dass auch in der protestantischen Abendmahl feiernden Gemeinde Christus gegenwärtig wird“. Wenn schon allgemein gelte: „Wenn zwei oder drei auf meinen Namen hin versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20), so gelte dies „erst recht von der eucharistischen Versammlung … Auch der Katholik darf also die protestantische Abendmahlfeier nicht als bloßes, unwirksames Zeichen betrachten“ (LThK, Ergbd. II, S. 118).

Was der zitierte Konzilstext von einer Abendmahlfeier in den Kirchen der Reformation sagt, muss logischerweise auch von der Feier einer Gemeinschaft katholischer Christen gelten. Da es in Zukunft immer mehr Gemeinden gibt, die ohne ordinierten Vorsteher bleiben, werden sich auch katholische Christen auf den zitierten Konzilstext berufen dürfen. Der Salzburger Liturgiewissenschaftler Franz Nikolasch pointiert: „Angesichts der gegenwärtigen pastoralen Situation, in der viele Gemeinden … nicht mehr jeden Sonntag eine Eucharistiefeier begehen können, wäre von einer Kirchenleitung, für die nicht Machtdenken im Mittelpunkt steht, sondern für die das Heil und das Glaubensleben der Gemeinden entscheidend ist, zu erwarten, dass sie alle Möglichkeiten ergreift, um diesen Gemeinden eine sonntägliche Eucharistiefeier, gegebenenfalls auch ohne ordinierten Vorsteher zu gewährleisten … Ein ordinierter Vorsteher ist zwar wichtig für die Eucharistiefeier, aber nicht entscheidend für deren Wirklichkeit“ (imprimatur 3/2012, S. 129).

Weitere Lösungswege

Es gibt noch weitere Möglichkeiten, den kirchlichen Rückzug aus der Fläche und einem damit verbundenen Kollaps vorzubeugen, wenngleich diese Lösung sich der „Kirche von unten“ entzieht. Hier ist an Modelle zu denken, die in Schweizer Bistümern praktiziert werden. Dort dürfen sogenannte Laientheologen, das sind voll ausgebildete Theologen ohne Priesterweihe, in die leer stehenden Pfarrhäuser einziehen und alle Aufgaben eines Pfarrers übernehmen mit Ausnahme der Eucharistiefeier. Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Laientheologen, deren Ausbildungsniveau exzellent ist. Was gegen ihren pastoralen Einsatz steht ist die Angst, dieser Weg bedeute, dass dann erst recht niemand mehr zölibatärer Priester werden möchte.

Um diesen Knoten zu lösen, hatte sich bereits am 9. Februar 1970 eine Gruppe von neun Theologen angesichts einer „notvollen Situation der Kirche … in aller Ehrfurcht“ an die deutschen Bischöfe gewandt und um eine Überprüfung der Zölibatsregelung gebeten, weil es „theologisch einfach nicht richtig“ sei, „dass man in neuen geschichtlichen und gesellschaftlichen Situationen etwas nicht überprüfen“ müsse. Zu den Unterzeichnern zählten u.a. Karl Lehmann, Walter Kasper – und Joseph Ratzinger. Sie schrieben, „alle“ Verfasser des Memorandums seien „davon überzeugt, dass eine Überprüfung [des Zölibatgesetzes] auf hoher und höchster kirchlicher Ebene angebracht, ja notwendig ist“. Sie wünschten, die deutschen Bischöfe möchten dieses Anliegen dem Papst vortragen, „selbst wenn ein solcher Rat ungern gehört würde“. Ihr Argument: „Wenn schon ein einfacher Untergebener Recht und Pflicht hat, sich zu fragen, ob er den ihm Übergeordneten nicht in wichtigen Dingen ungefragt Bedenken und Warnungen vortragen könne und müsse, um wie vielmehr gilt dies auch für die Bischöfe in der katholischen Kirche, auch gegenüber dem Papst?“ In der Sache führten sie aus: „Gerade die jungen Priester … fragen sich angesichts dieses akuter werdenden Priestermangels, wie diese Lebensprobleme der Kirche und ihres eigenen Amtes in einigen Jahren noch gemeistert werden können. Für sie genügt der ideale Blick nach rückwärts nicht.“

Ratzinger und Kollegen machten sich auch Sorgen um die Qualität des Priesternachwuchses: Wer seinem Bischof versichere, er habe mit dem Zölibat keine Schwierigkeiten, habe seine Eignung noch längst nicht bewiesen. Vielmehr hätten sie, die unterzeichneten Professoren, „sehr oft den Eindruck, dass die jetzige Regelung bei uns in einem nicht unerheblichen Ausmaß nicht bloß zu einer Schrumpfung der Zahl der Priesteramtskandidaten, sondern auch zu einer Senkung der Begabung“ der noch zur Verfügung stehenden Priester führe. Wenn genügend Jungpriester nicht zu gewinnen seien, „dann hat die Kirche einfach die Pflicht, eine gewisse Modifizierung vorzunehmen“.

Und womit können wir rechnen?

Angesichts der römischen Unbeweglichkeit, die in absehbarer Zeit keine Aussicht auf Änderung bietet, wird es darauf ankommen, im Rahmen der eigenen Gemeinden selbstverantwortlich zu werden. Wünschenswert wäre, wenn Erzbischof Becker und das Paderborner Generalvikariat das Gespräch über die Situation mit allen, die hier mitdenken und sich engagieren wollen, führen würden – in Gremien, auf Firmreisen, in den vorhandenen Publikationsorganen des Erzbistums – und natürlich darüber hinaus mit Klerus und Volk. Hier gilt nicht die geschlossene Tür, denn was die Existenzfragen der Gemeinden betrifft, ist auch öffentlich ins Bewusstsein zu bringen und öffentlich zu bearbeiten.

Zu bedenken ist, dass noch genügend Menschen da sind, die bereit und fähig sind, sich kirchlich zu engagieren. Wenn diese Bereitschaft nicht abgerufen wird, suchen sich gerade die Fähigsten andere Einsatzfelder. Ob es im nächsten oder gar übernächsten Jahrzehnt dieselbe Bereitschaft noch geben wird, lässt sich kaum optimistisch beantworten. Das jetzt noch gegebene Zeitfenster wird zunehmend kleiner und in einer durchaus voraussehbaren Zeit wird geschlossen sein.

Es es hat allerdings einigen Signalwert, dass es die Zeitschrift des Sauerländer Heimatbundes ist, die dieses akute Thema behandelt – kein kirchliches Organ. Welche Bedenken oder Ängste verhindern, die hier ausgebreitete Problemstellung in alle Gemeinden und auf den Markt zu tragen? Es gilt doch, möglichst viele zu beteiligen. Gewiss mag es mehr zu bedenken geben, als hier gesagt wurde, doch sollte das dann auch auf den Tisch. Es wäre schön, wenn eine Paderborner Antwort uns sagen würde, dass man unsere Überlegungen teilt – und sei es mit ganz anderen Antworten. In jedem Fall wird die nächste Generation, die diese Zeitschrift einmal redigieren wird, darüber befinden, wie viel Realitätssinn mit den vorliegenden Urteilen verbunden war.