Gibt es noch eine regionale Architektur?

Zum Begriff „Region“

Der Begriff „Region“ ist nicht eindeutig; er kann mal enger, mal weiter verstanden werden. Er kann einen in sich geschlossenen Landschaftsraum meinen, einen historisch geprägten Bereich als auch eine aktuelle politische Grenzziehung. Ebenso bestimmen und verändern wirtschaftliche Prozesse, Verkehrsstrukturen, soziale Veränderungen und politische Vorgänge eine Region. Das Definitionsproblem einer Region ist umso schwieriger, je mehr Merkmale dafür in Anspruch genommen werden. Welche Relevanz den Einzelfaktoren zukommt, kann nicht allgemeinverbindlich gesagt werden. Es kommt darauf an, unter welchen Aspekten von einer Region gesprochen werden soll.

In unserem Fall definieren wir unter architekturgeschichtlichen Aspekten das kurkölnische Sauerland – und nochmals enger den Hochsauerlandkreis als eine relativ homogene Region. Sie hebt sich deutlich ab vom Münsterland im Norden, von Hessen im Osten, nicht ebenso deutlich vom Märkischen Sauerland, vom Oberbergischen und vom Siegerland. Mit diesen Nachbarbereichen verbinden landschaftlich gemeinsame Merkmale und vergleichbare Bautraditionen.

Als jedoch das Westfälische Freilichtmuseum Detmold darin ging, neben dem Münsterländer und Paderborner Dorf auch ein Sauerländer Dorf zu errichten, das die ländliche Kultur der kurkölnischen Region für die 1920er Jahre museal dokumentieren soll, erarbeitete man in einem breit angelegten Forschungsprojekt das Hintergrundwissen für dieses Vorhaben. Übereinstimmendes Fazit der Beiträge war, dass man von einer Kulturregion Sauerland nicht sprechen könne, zu unterschiedlich präsentiere sich die Landschaft in ihren diffusen Grenzen, aber auch mit ihrem „kulturellen Inventar“. Man stellte fest, dass das heutige allgemein als landschaftstypisch bezeichnete Erscheinungsbild sehr jung sei. Die schwarz-weiße Fachwerkarchitektur entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge erster Verschönerungsaktionen. Auch der Schiefer setzte sich erst in dieser Zeit durch. Man müsse also vorsichtig mit der Zuschreibung regionaler Stereotypen umgehen.  (Beiträge zur Volkskunde und Hausforschung. Bd. 7. Westfälisches Freilichtmuseum Detmold, 1995, 251-254).

Bedingungen regionaler Architektur

Es bedarf also keiner Frage, dass der europäische Geschichtsraum eine Fülle regional geprägter Architekturen kennt. Jede Landschaft Europas hat ihr eigene Identität. Jedenfalls ist das ihre geschichtliche Mitgift. Ein dänisches Dorf sieht anders aus als ein sardisches Bergnest, wieder anders die toskanischen und umbrischen Städte auf den Kuppen der Berge, und natürlich unterscheiden sich bayerische Häuser von fränkischen Bauweisen, von Häusern im Berner Oberland, im Schwarzwald oder in Nordfriesland. Die regional unterschiedlichen Formen und Stilelemente sind nicht zufällig; sie haben je eigene Voraussetzungen in der Topographie des Landes, in den klimatischen Bedingungen, den Baumaterialien, welche die nähere Umgebung bereithält, in geschichtlichen und kulturellen Traditionen. Die Hausformen, die auf diese Weise entstanden, prägten ihre Landschaften und gaben ihnen ein Gesicht, das alles andere als ein Allerweltsgesicht ist.

Als weitere Bedingungsfaktoren für diese regionale Identität nenne ich:

Alle Baumaterialien kamen aus der engeren Umgebung

  • sie beschränkten sich auf wenige – miteinander harmonierende – Stoffe.
  • Die gesellschaftliche Struktur der Dörfer und Kleinstädte war homogen; sie wurde stark durch Brauchtum und Konvention geprägt. 
  • Man baute weniger nach individuellen Wünschen der Bauherren; auch die Architekten erstrebten keine Sonderentwicklungen. Vorherrschend waren traditionell festgelegte Formen. Natürlich unterschieden sich die Häuser je nach Funktion und sozialem Status, blieben aber aufeinander bezogen. Selbst arme, bescheidene Häuschen korrespondierten mit reicheren Anwesen in der Verwendung der Materialien, der Gliederung der Fassade, der Ausformung der Gesimse und Dachüberstände etc. 
  • Diese Einheitlichkeit fand in früheren Jahrhunderten ihr Gegenstück in Kirchen und Kapellen, in Klosteranlagen und in den Adelssitzen. Da diese Bauten sich aber ebenfalls auf die Materialien der Umgebung beschränkten, hoben sie sich zwar durch Größe und eine repräsentative Form heraus, blieben jedoch mit der übrigen Bebauung in einem Zwiegespräch.

Die Auflösung regionaler Architektur

Erste Durchbrechungen entstanden mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, auch mit den Bauten der Gründerzeit und des später folgenden Jugendstils. Für das sensible Auge damaliger Menschen war das bereits eine Belastung. So beklagte sich der damalige Olper Kreisbaumeister Rinscheid in einem Bericht zur baulichen Situation über die vereinzelten neuen Jugendstilbauten. Für ihn waren diese Häuser architektonische Ausreißer. Heutigen Augen erscheinen sie hingegen als erfreuliche Lichtblicke im oft weniger niveauvollen Umfeld.

Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat die meisten der genannten Rahmenbedingungen geändert:

  • Die Fülle und Herkunft der Baumaterialien verwirrt Architekten und Bauherren; sie vernichtet in ihrer Summe jede regionale Identität.
  • Das was man früher das „gemeine Volk“ nannte, gibt es nicht mehr. Dieser Kultur entsprangen Brauch und Sitte, gemeinsame Anschauungen, gemeinsame Lebensformen. Ihrer Auflösung folgte eine bis zum Tag immer stärkere Ausprägung nicht mehr individuell, sondern individualistisch zu nennenden Bestrebungen. Sich vom Nachbarn abzuheben, ganz etwas anderes zu wünschen, zu bauen und vorzuzeigen, ist eine heute immer noch weiter zunehmende Tendenz.
  • Hinzu kommt wachsende Orientierungslosigkeit: Wenn traditionelle Bauformen aufgegeben werden, muss jeder einzelne Bauherr/Architekt Sinn und Ästhetik für Veränderungen am Haus und für neue Planungen aufbringen. Das überfordert viele. Es führt aber auch zu einer stilistischen Gemengelage, die zusammenmixt, was dem Durchschnittsgeschmack „gefällt“.
  • Die meisten Bauherren wie Architekten betrachten ihr jeweiliges Objekt völlig isoliert. Der bereits bestehende bauliche Kontext gewinnt keine orientierende Funktion. So finden sich in vorhandene Baulücken – zumal der Dörfer – Häuser gesetzt, die in keinem Gespräch mit ihrer Nachbarschaft stehen und den gewachsenen Zusammenhang zerreißen.
  • Den wirtschaftlichen Veränderungen und veränderten Lebensgewohnheiten entsprechen veränderte Ansprüche. Für ästhetisch geschulte Leute kann das dazu führen, alte Bausubstanz neu zu sehen, sie zu renovieren und mit modernen Komfortansprüchen zu verbinden. Wer dafür keinen Blick hat, setzt immer öfter städtische Versatzstücke ins Dorf. Beispiele dafür sind allgegenwärtig. Man kann von einer Verstädterung der Dörfer sprechen. Die ubiquitäre Verfügbarkeit aller Baumaterialien als auch die sich angleichenden Arbeitsverhältnisse, Lebensansprüche und Lebensvorstellungen führen dazu.

Was heißt heute „regionale Architektur“?

Die bauliche Entwicklung im nun bald abgeschlossenen Jahrhundert lässt von einer Auflösung ihrer regionalen Prägung sprechen. Das überall bestehende Angebot vielfältiger Baumaterialien zu überregional gleichen Preisen, vereinheitlichte Technologien, der individualistische Ehrgeiz, sich von den Nachbarn unterscheiden zu wollen … widerstreben jeder regionalen Besonderheit. Darum unterscheiden sich die meisten Neubaugebiete unterschiedlicher Regionen bereits seit Jahrzehnten nicht mehr voneinander.

Dennoch sind innerhalb der Region „kurkölnisches Sauerland“ nochmals regionale Unterschiede festzustellen. In Gemeinden, die sich stark auf den Fremdenverkehr ausrichten, findet sich ein deutlich höheres Problem- und Qualitätsbewusstsein. So ist das Schmallenberger Sauerland, wie überhaupt der mittlere und östliche Hochsauerlandkreis bewusster auf den Erhalt und die Pflege der baulichen und landschaftlichen Identität ausgerichtet, als am Erscheinungsbild des westlichen Kreisgebietes, etwa Teilbereichen von Neheim und Sundern abgelesen werden kann. Allerdings zeigt ein näheres Zusehen selbst in den Schmallenberger „Golddörfern“, dass manche Fachwerktradition doch eine recht schadhafte Tapete zu werden droht, deren äußerliches Bild sich immer mehr aushöhlt, beispielsweise durch neue Fenster, die durch falsche Formate, Einscheibenkippfenster und imitierte Profilleisten den Fassaden ihre Stimmigkeit nehmen.

In der Summe fällt mir auf, dass es in unserer Region kaum Ansätze wirklich moderner Baugesinnung gibt. Das ist zu bedauern, denn – wenn es noch eine regionale Architektur geben soll – kann sie nicht einfach in der Repetition früherer Bautraditionen bestehen. Soweit es um öffentliche Bauten geht, gibt es zweifellos einige architektonische Beispiele, die modern sind und sich doch gut in vorgegebene Zusammenhänge fügen. Eine klare architektonische Formensprache verträgt sich immer mit alter Substanz, wohingegen Bauten, die auf Repräsentanz und Geltung setzen – Sparkassen und Hotelbauten – oft ein Bild architektonischer „Unsauberkeit“ abgeben.

Am meisten hat der Wohnungsbau mit Einfamilienhäusern das Land verändert. Hier steuern Städte und Gemeinden durch ihre Flächennutzungs- und Bauleitpläne bereits viele Fehlentwicklungen. Die Veränderungen der Sozialstruktur – vorzugsweise Einpersonenhaushalte und ein sich umkehrender Altersaufbau – werden in Zukunft den Geschosswohnungsbau stärker favorisieren. Insgesamt gibt es im Wohnungsbau zu wenige maßstabsetzende Beispiele, die das öffentliche Bewusstsein bestimmen, um eine architektonische Neubesinnung anzuregen. Ich nenne zwei Punkte, die m.E. der Überprüfung bedürfen:

  1. Bebauungspläne, die einen hohen Landverbrauch haben, weil sie in erster Linie dem Wunsch folgen, dass jeder um sein eigenes Haus herumgehen kann; auf diese Weise entstehen jene langweiligen Neubaugebiete, in denen sich Häuschen an Häuschen reiht, ohne dass es bei dieser spannungslosen Addition zu differenziert gegliederten öffentlichen Räumen käme.
  2. Das Unterlassen von Gestaltungssatzungen bzw. Bauauflagen, die ortsuntypische und belastende Ausreißer verhindern. Ursächlich dafür sind meistens ein fehlender Sinn für diese Aufgabe als auch die Scheu, dem Bürger Grenzen zu zeigen, obwohl ihm letztlich gerade geholfen wird, ausgesprochen belastende Fehlentscheidungen zu vermeiden.

Eine regionale Architektur könnte es auch in Zukunft geben, wenn sie sich bemühen würde, das Gespräch mit der vorhandenen historischen Bausubstanz aufzunehmen. Im kurkölnischen Sauerland verdienen dafür zwei Kriterien Beachtung:–

  1. Die vorhandene Dachlandschaft respektieren. Wo das Schieferdach einer Ortschaft ihren Charakter gibt und anthrazitfarbige Dachpfannen sich über Jahrzehnte anpassen, sollten rote Dächer ausgeschlossen bleiben.
  2. Die Gestaltung der Fassaden auf wenige, landschaftstypische Materialien beschränken. Weiße Fassaden prägen durchweg die Ortsbilder. Kunststoffmaterialien und Baustoff-Immitationen sind auszuschließen.

Werden diese Auflagen beachtet, was je nach Charakter eines Bauwerkes auch dessen Kubatur im vorgegebenen Kontext einschließt, könnte es zu einer Bauentwicklung kommen, mit der sich weiterhin eine gewisse regionale Identität verbinden lässt.

Die insgesamt unbefriedigende Situation geht nicht nur auf Kosten der Architekten. Viele der problematischen Erscheinungen resultieren aus einem Renovierungs- oder Bauwillen, der ohne Architekten auszukommen glaubt. Das hat immer auch mit einer zu geringen Bewusstseinsbildung zu tun. Architektur ist leider kein relevantes Thema im öffentlichen Raum. Die Zeitungen rezensieren ein Konzert oder eine Theateraufführung, aber ein neues Bauwerk, eine Bauplanung, die Entwicklung eines Neubaugebietes bleibt unter Ausschluss jeder öffentlich reflektierten Meinung. Hier haben die Zeitungsredaktionen ein Defizit, hier mangelt es aber auch an fähigen Kritikern. Es braucht mehr veröffentliche Architekturkritik, damit die Zahl jener Zeitgenossen wächst, die sehen und urteilen können, um zu einer reifen Baukultur beitragen.

Statement zur Podiumsdiskussion „Bauen in der Region Hochsauerlandkreis“ Architektenkammer NRW, Kammer vor Ort, Arnsberg, 27. Mai 1999.