Was ist Heimat?

Seit wann gibt es Heimat?

Hatten die Neandertaler Heimat?
Haben Nomaden eine Heimat?
Verließ Abraham seine Heimat, als er aus Ur in Chaldäa aufbrach?
Kam Odysseus nach langen Irrfahrten in die Heimat zurück?
Betrauerten die nach Babylon verbannten Kinder Israels die verlorene Heimat?
Gaben die germanischen Stämme, die sich auf die sogenannte Völkerwanderung machten, eine Heimat auf?
Seit wann ist Deutschland, Westfalen, das Sauerland, Stadt oder Dorf unserer Herkunft eine Heimat?
Seit wann gibt es Heimat?

Das Wort Heimat ist nicht übersetzbar

Heimat ist ein deutsches Wort. Es lässt sich in keine andere Sprache übersetzen.

Die Römer sprachen von patria. Patria ist das Vaterland; dem Wort fehlen die Gemütswerte, die sich mit Heimat verbinden.

Die romanischen Sprachen haben das lateinische Patria übernommen, aber keins dieser Wörter kann mit Heimat übersetzt werden.

Die Franzosen sagen Le pays natal, „das Land, in dem man geboren ist“. La patrie ist auch hier das Vaterland. Der Heimatlose ist sans patrie; der Heimatvertriebene wird zur personne déplacée.

Im Englischen heißt es home, native place, (native) country. Aber homeland läßt an die Reservate der Schwarzen in Südafrika denken und home kann auch für Haus, Wohnung und Elternhaus stehen.

Auch die Polen sagen: „Es ist schwer, das Wort Heimat ins Polnische zu übertragen. Manche Übersetzer lassen Heimat im deutschen Original stehen, weil es nichts Adäquates in unserer Sprache gibt“.

Woher kommen die Wörter „Heim“ und „Heimat“?

Die Wurzel heim- ist gemeingermanisch und hat die Grundbedeutung ‚Haus‘, ‚Wohnstätte‘ oder ‚Dorf‘. Gemeint ist der Ort, wo einer zu Hause ist. Der indogermanische Wortstamm heim– bedeutet ‚liegen‘ oder ‚ruhen‘.

Unverkennbar ist der Zusammenhang zwischen Heim und Haus, also die Bedeutung des (eigenen) Hauses als Basis von Heimat. Hier schafft Haus und Hof, das heißt Seßhaftigkeit, die Abgrenzung gegenüber „Vagabunden“ und Heimatlosen.

Noch um 1800 war Heimat ein besitzrechtliches Wort, aus dem man die Arbeits- und Versorgungsrechte eines Dorfbewohners ableiten konnte.

Die schwere Hypothek des Wortes Heimat

Wer arm und mittellos war, einen geringen sozialen Status hatte oder gar wegen geistiger oder körperlicher Behinderung an den Rand gedrängt, verlacht und verspottet wurde, konnte (und kann) innerhalb der Heimat die eigene Heimatverweigerung und Heimatvertreibung erleben.

Für viele andere kann hier ein Geschwisterpaar stehen, das wegen der geringen sozialen Achtung, die sich mit dem Status der Eltern, ihrer Behausung und ihrer schwachen Begabung verband, oftmals zum Gespött der Mitschüler wurde. Man nötigte die Kinder für einen Groschen auf eine Mauer, ließ sie von dieser Bühne herab singen und lachte über ihre hilflose Naivität. So wurden die durch Kleidung, Sprache, häusliche Gewalt und Schulversagen bereits Stigmatisierten noch tiefer in ihrer Seele verletzt. Der inneren Heimatvertreibung, die sie erfuhren, folgte die spätere Nötigung, fort zu gehen.

Nicht alle, die in unseren Dörfern zusammenwohnen, haben die gleiche Heimat. Im Namen der Heimat erfahren manche eine Heimatverweigerung:

  • wenn sie fremd sind,
  • sich durch Sprache oder Lebensstil unterscheiden,
  • mit Besitz, Wohnung und Sozialprestige nicht mithalten können.

In den ärmsten Zeiten unseres Landes haben darum viele Menschen aus Not ihre Dörfer verlassen und sind ausgewandert, weil die Heimat sie sozial heimatlos machte.

Das missbrauchte Wort

Es gibt eine Vielzahl von Wortverbindungen mit Heimat: Heimatland, Heimatort, Heimathafen, Heimatliebe, Heimatkunde, Heimatverein, Heimatdichter, Heimatfilm, Heimatvertriebene, Heimatverteidigung … Mit manchen dieser Begriffe verbinden sich Hypotheken, welche bis heute die Rede von Heimat belasten.

Auch adjektivische und adverbiale Formen sind geläufig: heimatlich, heimatverbunden, heimatlos usw. Aber heimisch ist nicht gleichbedeutend mit heimatlich, und wer sich heimisch fühlt, muss nicht einheimisch sein …

Der historische Rückblick zeigt, dass Heimat anfangs ein strenges Wort war: Es ging um Besitz, Recht und Rechtsansprüche. Privilegierung auf der eigenen Seite, Ausschluss auf der anderen. Die alte Linde, der rauschende Bach und der deutsche Wald sind Erfindungen von Bürgern, die sich in einer industrialisierenden Welt ein Rückzugsgebiet wahren wollten. Solcher Heimattümelei widerspricht die Überzeugung, dass Heimat nur dort sein könne, wo für alle volle und uneingeschränkte Demokratie garantiert sei, die niemanden mindert und keinen zum Fremdling macht.

Auch das Sauerland weiß von Zeiten, die manchen zwangen, sich in der Fremde eine Existenz zu suchen. Und erst zwei Generationen liegt es zurück, dass man die wenigen jüdischen Mitbürger, die wir hatten, zwang, ihre Heimat zu verlassen, ohne dass die Heimat sich empörte. Die vor die Tür Gesetzten bewahrten oft in ihren Möglichkeiten der Heimat die Treue, aber die Heimat nicht ihnen. Von Heimat, zeigte sich damals, konnten am stimmigsten die reden, denen die Rückkehr versagt war, während jene, die im oft Dumpf-Vertrauten blieben, in ihrer Nicht-Identität eigentlich heimatlos waren.

Heimat und Fremde

„Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Dieser erste Satz aus Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ legt Zeugnis dafür ab, dass ohne Wege in die Fremde der Blick für das Maß der Dinge nicht zu haben ist. Es ist fraglich, ob die Nur-Daheim-Gebliebenen (wie auch die Nur-Kosmopoliten) Heimat in einer umfassenden und bewussten Weise haben können.

Hier zeigt sich das Janus-Gesicht der Heimat. Jene, denen sie so selbstverständlich gegeben ist wie dem Fisch das Wasser, wissen am wenigsten um sie, so wenig sich der Fisch seines Lebensraumes bewusst ist. Heimat ist ein Paradoxon: Ohne Erfahrung der Fremde bleibt die Heimat zu flach. Wer sie als Besitz preist, wird ihr nicht gerecht: durch keine Romantisierung, durch keine Folklore.

Hanna Arendt hat Heimat als den Versuch verstanden, „in der Welt zuhause zu sein“. Damit verbindet sich ihr Aufgabencharakter, das Mühsame und auch ein mögliches Misslingen. Heimat ist ein immerfort gefährdetes, bedrohtes Gut. Zu eng geschnürt, wird Heimat verspielt, verfälscht oder auch verramscht. Provinzialität will durch offene Horizonte, regionales Selbstbewusstsein durch Offenheit gegenüber den Fremden aufgewogen werden. Eine Heimat, die Migranten kein Zuhause einräumt, hört auch auf, Heimat für die immer schon Ansässigen zu sein. In diesem Sinne ist Heimat ein Synonym für Menschlichkeit, die keine Grenzen zieht.

Heimat ist Utopie

Am intensivsten wird Heimat erlebt, so haben wir erkannt, wenn sie einem fehlt. Aber auch wenn man daheim ist, nährt sich das Heimatgefühl aus Fehlendem, aus dem, was nicht mehr oder auch noch nicht ist.

Heimat ist also nicht einfach „vorhanden“. Sie ist niemals „fertig“, sondern in einem gewissen Maße immer wieder neu zu erschaffen, neu aufzubauen, auf Fundamenten, die wir nicht zerstören können, ohne uns selber zu zerstören. Hier gilt das berühmte Wort Ernst Blochs, mit dem er sein „Prinzip Hoffnung“ abschließt: „Heimat ist, was allen in die Kindheit scheint und in dem noch niemand war.“

Zu keiner Zeit war Heimat etwas Fertiges, mit dem jedermann hätte zufrieden sein können, so dass es lediglich bewahrt werden müsste. Immer geht Heimat über die erreichten Lebensbedingungen hinaus, lässt nach den Übereinstimmungsmöglichkeiten der Schwächeren fragen und ist insofern – theologisch betrachtet – ein sich letztlich erst in Gott erfüllendes Bild.

Heimat als Identitätsfindung: Der Schatz hinterm Ofen

Die Verschränkung von Heimat und Ferne, Bleiben und Gehen, kommt auch in einer Geschichte zum Ausdruck, die von Rabbi Eisik, dem Sohn Jekels, aus Krakau erzählt:

Diesem hatte geträumt, er solle sich auf den weiten Weg nach Prag machen, um dort unter der Brücke, die zum Königsschloss führt, nach einem Schatz zu graben, der den armen Juden in Krakau erlauben würde, ein eigenes Bethaus zu errichten. Als der Traum zum dritten Mal wiederkehrte, zögerte Rabbi Eisik nicht länger und machte sich auf den weiten Weg nach Prag. Dort aber fand er die Brücke Tag wie Nacht von Wachen besetzt, und er getraute sich nicht, unter ihren Bögen zu graben. Doch kam er jeden Tag her und ließ die Brücke nicht aus dem Auge. Das fand die Aufmerksamkeit des christlichen Hauptmanns d                   er Brückenwache. Der sprach den Rabbi freundlich an: „Guter Mann, Ihr lauft hier auf und ab. Habt Ihr etwas verloren? Kann ich Euch helfen?“ So angesprochen, fasste sich Rabbi Eisik ein Herz und erzählte, welcher Traum ihn nach Prag geführt hatte. Der Hauptmann hörte es staunend: „Und da habt Ihr Euch eines Traumes wegen aufgemacht? Da hätte ich ja meinerseits aufbrechen müssen, träumte mir doch, ich solle in Krakau in der Stube eines Juden, Eisik, Sohn Jekels, nach einem Schatz hinterm Ofen suchen. Nun denke ich, dass ich in der Judengasse, wo links alle Eisik, rechts alle Jekel heißen mögen, Haus um Haus aufreiße, um doch keinen Schatz zu finden …!“ Und er lachte: „Vertut nicht Eure Zeit und geht nach Hause!“ Rabbi Eisik verneigte sich stumm, wandte sich um und wanderte heim. In seinem Haus in Krakau angelangt, schloss er die Tür, grub hinterm Ofen – und hob den Schatz, mit dessen Hilfe jenes Bethaus errichtet wurde, das bis heute nach ihm geheißen ist.

So ist es denn notwendig, dass jeder Mensch das eigene „Prag“ findet, wo immer dieses Prag liegen mag, um sich zu eigen zu machen, was jedem seit jeher zugehört.