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Über Denkmalschutz und Bewusstseinsbildung

Mit dem Denkmal verbinden sich durchweg geschichtliche Erinnerungen. Es sind zunächst Bauten gemeint, die Auskünfte über vergangene Verhältnisse geben, die eine kulturelle und soziale Bedeutung für die Gegenwart haben und für die Identifikation mit der eigenen Heimat auch in Zukunft unverzichtbar sind.

Über die Jahrhunderte hin hatten solche Bauten sicheren Bestand vor allem durch ihre fortwährende Nutzung. So waren die Kirchen ohne Unterlass Gemeindezentren und Orte für Gottesdienst, Sakramentenspendung und Andacht; die Schlösser wurden von ihren Besitzern bewohnt, von Generation zu Generation vererbt und erhalten. Man musste bei ihnen nicht von Denkmalpflege sprechen, die Wertschätzung solcher Bauwerke galt den Besitzerfamilien als fraglos selbstverständlich.

Wenn die Nutzung fortfällt …

Anders verhält es sich mit Bauwerken, deren Nutzung sich wandelt oder verloren geht. Das waren vor Jahrhunderten die Burgen, deren Bedeutung angesichts der aufblühenden Städte schwand und deren ehemalige Sicherheit eine neue Waffentechnik untergrub. In den neuzeitlichen Jahrhunderten erging es den Befestigungsanlagen der Städte ähnlich: Mauern, Türme, Tore und Wälle verloren ihre Schutzfunktion; sie verfielen und wurden aufgegeben, als neue Bauinteressen ihren Platz beanspruchten. Soweit dennoch solche Wehranlagen erhalten blieben, standen sie gewöhnlich im Denkmalschutz der Armut, wie dies für die besterhaltenen Stadtbilder in ganz Europa gilt. Ein ähnliches Schicksal lässt sich an alten Klöstern ablesen. Als 1803 im Reichsdeputationshauptschluss zahlreiche Klöster aufgehoben wurden, fielen die meist stattlichen Bauten mit ihrem reichen und wertvollen Inventar oft abenteuerlichen Fremdnutzungen und Interessen zum Opfer. Großartige Klosterkirchen wurden als Steinbrüche genutzt, oder – wie der zisterziensische Altenberger Dom – zu Lagerräumen oder Fabriken degradiert. Andere Kunstwerke von Weltrang wie etwa die Wieskirche verdanken ihren Erhalt nicht kirchlicher und staatlicher Fürsorge, sondern lokalen Engagements oder auch nur Zufällen. Auch Umnutzungen, einerlei wie sinnvoll oder absurd diese jeweils waren, haben bisweilen wertvolle Bauwerke gerettet. Bauten von nobler Architektur wurden zu Werkstätten, Fabrikationsräumen, Schulen, Heilanstalten, Justizvollzugsanstalten und ähnlichem mehr degradiert … Über solche Verlegenheitsnutzung verfiel die bauliche Substanz, wurde schließlich als Belastung und Schandfleck betrachtet und manchmal nur in letzter Minute durch einzelne Bürger vor dem Abriss gerettet. Wenn dann aber die aufwendige Restaurierung unter großen Mühen gelang, saßen jene, die dagegen gestimmt hatten, meist unter den Honoratioren in der ersten Reihe. Wer mit Denkmalpflege zu tun hat, kann diese Beobachtung auch heute immer wieder machen.

Damit ist das eigentliche Problemfeld der Denkmalpflege schon benannt: es wird von jenen Objekten bestimmt, deren ursprüngliche Nutzung verloren ging oder durch veränderte Einstellungen ihre Wertschätzung im öffentlichen Bewusstsein einbüßte. Dies gilt zum Beispiel für alte Backhäuser, Mühlen, Scheunen, Ställe und hat nicht zuletzt auch vielen bäuerlichen Fachwerkhäusern die Geringschätzung ihrer Besitzer eingetragen, als in den 60er und 70er Jahren andere Vorstellungen vom Wohnen um sich griffen.

Zur Geschichte des Denkmalbegriffs

Die hohe Abhängigkeit des Denkmalschutzes vom herrschenden gesellschaftlichen Bewusstsein kennzeichnet bereits die Geschichte des Denkmalbegriffs. An den vor etwa hundert Jahren dokumentierten Objekten lässt sich das damalige Denkmalbewusstsein deutlich ablesen: Erfasst wurden durchweg die alten Kirchen, Burgen und Schlossanlagen, auch hervorstechende Bürgerhäuser bis zum 16. Jahrhundert. Noch so bedeutsame und schöne Wohnhäuser späterer Zeit oder gar Werkstätten bzw. Industrieanlagen waren mit dem damaligen Denkmalverständnis kaum vereinbar. Im Bereich der kirchlichen Baudenkmäler sind Bauten, Skulpturen und Ausstattungen der Barockzeit erst seit den 1920er Jahren – schrittweise – Denkmälern aus dem Mittelalter gleichgestellt worden. In den Wiederaufbaujahren nach 1945 hat man in Köln barocke Veränderungen in romanischen Kirchen zugunsten eines Rückbaus auf die frühesten Verhältnisse gefördert, wie die Baugeschichte von St. Pantaleon belegt. Die Erhaltung und Wiederherstellung von Bauten des 17. und 18. Jahrhunderts wurde insgesamt mit geringerer Motivation und Sorgfalt betrieben. Noch langsamer setzte sich eine Neubewertung der lange geschmähten Kunst des Historismus durch, also neoromanischer und neogotischer Kirchen und Bauwerke. Als dann aber die Anerkennung dieser Kirchen und Hausbauten schließlich erfolgte, vervielfachte sie auf einen Schlag die Zahl der Denkmäler und erschreckte damit nicht nur ältere Denkmalpfleger, sondern auch jene, die im Bereich der Stadtplanung und Bauaufsicht tätig waren. In den 80er Jahren traten schließlich die Wiederaufbauleistungen der 50er Jahre in den Blickpunkt der Denkmalpflege. Man erkannte, dass dieses Jahrzehnt eine inzwischen abgeschlossene Geschichts- und Bauepoche ist, deren wissenschaftliche Erfassung und Bearbeitung, trotz der immensen Erweiterung des Aufgabenbereichs, unumgänglich ist. Dass im Verlauf des vergangenen  Jahrhunderts sich natürlich über die genannten Stilepochen hinaus der Denkmalschutz auf Industrieanlagen, Werkstätten und vielerlei Einrichtungen des alltäglichen Lebens als Dokumentationen zurückliegender Lebenskultur ausgedehnt hat und somit noch einmal die Reichweite des Denkmalschutzes ausdehnt, wird im Gang der weiteren Ausführungen hinreichend konkret.

Dieser Blick auf die Geschichte des Denkmalschutzes zeigt, dass der Denkmalbegriff nicht ein für allemal definiert werden kann. Er ist variabel und mit einer stetigen Fortentwicklung verbunden. Er zeigt, dass der Abstand zu einer bestimmten Zeit notwendig ist, um ein Urteil über die Denkmalwürdigkeit der Schöpfungen dieser Zeit fällen zu können.

Erst im 19. Jahrhundert erwachte der Sinn für Geschichte

Dass es überhaupt Denkmalschutz geben muss, ist allerdings erst eine – geschichtlich gesehen – junge Überzeugung. Als das Christentum über die hellenistisch-römische Welt siegte, hatte man keine Skrupel, die wunderbaren antiken Tempel zu zerstören oder zerfallen zu lassen. Ebenso waren die Pyramiden Ägyptens, die Palastanlagen Kambodschas, die Stufentürme der Maya, die Steinmetzwunder der Inka … über Jahrhunderte wie Jahrtausende dem natürlichen Verfall ebenso ausgeliefert wie jedweder Plünderung. Auch in der christlichen Geschichte Europas ging man mit dem Erbe der Vorfahren überwiegend sorglos um: Man baute romanische Bischofskirchen und riss sie wieder ein, um eine gotische Kathedrale an ihre Stelle zu setzen; man wurde der romanischen und gotischen Kirchen leid und begann sie bedenkenlos zu barockisieren. Man fand die altehrwürdigen romanischen Kirchen nicht nur zu eng, sondern auch nicht hinreichend repräsentativ, sorgte mancherorts für ihre Zerstörung und stellte eine neugotische Kirche an ihren Platz. Ein ähnliches Schicksal ist vielen Objekten im Land beschieden gewesen. Erst im 19. Jahrhundert erwachte der Sinn für Geschichte und für den Wert und die Würde geschichtlicher Zeugnisse. Man erkannte: Eine Menschheit, die ihr Erbe nicht schützen und bewahren wollte, würde sich von ihrer eigenen Herkunft abschneiden und damit zunehmend auch Identitätsprobleme bekommen. So setzten nun umfassende Rettungsaktionen ein; es entstanden die großen Sammlungen der Weltkunst, der Archäologie, auch der handwerklichen und technischen Kultur, und zwar nicht nur in Berlin, Rom, Paris, Madrid oder London, sondern ebenso in der Aufarbeitung und Konservierung der kleinräumigen Geschichte, was bei uns zu vielen regionalen und lokalen Museen, heimatkundlichen Sammlungen und Archiven geführt hat. Das Interesse, das diesen Museen und Sammlungen entgegen gebracht wird, hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich in die Breite entwickelt. Das zeigen nicht nur die Besucherzahlen sondern auch neu aufkommende Bestrebungen, die beispielsweise dazu führten, längst aufgegebene Bauten aus ihren ruinösen Verhältnissen in überregionale Bezüge zu stellen, Museums- oder Trägervereine zu gründen, um das je gesammelte und aufbereitete Erbe zu bewahren und zu vermitteln.

Denkmalschutz und Bewusstseinsbildung

In diesem heute allgemein gewachsenem Geschichtsbewusstsein findet der Denkmalsschutz seine eigene Absicherung. Das heißt, der beste Schutz von Denkmälern und die sicherste Garantie ihrer Pflege besteht in einem möglichst breiten Bewusstsein, dass diese Zeugnisse der Vergangenheit so schätzt, dass ihre Gefährdung gar nicht erst eintritt. Wenn man aber bedenkt, wie in den 60er und 70er Jahren sich eine Desorientierung entwickelte, die zahlreiche Menschen bewog, sich von ihren alten Haustüren, Truhen, Schränken und anderem Hausrat zu trennen, um an ihre Stelle wertlose wenngleich „moderne“ Massenwaren zu setzen; wenn man zählt – wie heute noch in jedem Dorf überprüfbar–, in wie vielen Fachwerkhäusern die zugehörigenen Fensterformate gegen querliegende und überdimensionierte Kunststofffenster ausgetauscht wurden, zeigt sich zugleich, wie stark ein vorhandenes Bewusstsein durch modische Trends und wirtschaftliche Manipulation im Handumdrehen verändert werden kann. Es gibt keine Sicherheit, dass unser heutiges Denken auch die Generation unserer Kinder und Enkel noch bestimmt. Darum gehört zu einem wirksamen Denkmalsschutz Öffentlichkeitsarbeit in jeder Form: durch Vorträge, Bücher, Zeitschriften, Fotos, Ansichtskarten, Kunstführer, Führungen und dergleichen mehr. Was wir regional in dieser Hinsicht leisten, ist also immer auch Arbeit für einen effizienten Denkmalschutz.

Weil aber alle diesen Bemühungen nicht ausreichen und mancher Zeitgenosse für ein  geschichtliches Denken und Bewahren keine eigene Wertschätzung aufbringt, ist es wichtig, dass zu einer breiten Bewusstseinsbildung der gesetzliche Denkmalschutz tritt. Damit verbunden ist ein striktes Erhalt-, Nutzungs- und Erlaubnisgebot, das sich – im Zusammenhang mit dem Zumutbarkeitsbegriff – als Instrument für eine wirksame Denkmalpflege bewährt. Das Wagnis des Denkmalschutzgesetzes NRW, die Gemeinden als Untere Denkmalbehörden mit umfassenden Rechten und Pflichten auszustatten, hat sich als ein Beitrag zur Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung, des Heimatbewusstseins und des Bürgerengagements erwiesen.

Viele Städte und Landkreise versuchen, all diese Bemühungen aufzufangen und durch die Erarbeitung repräsentativer Bildbände über die Bau- und Kunstdenkmäler der Region zu unterstützen. Wurden vor hundert Jahren vor allem Kirchen und Kapellen mit ihrer zugehörigen Ausstattung wahrgenommen, so müssen heute Häuser, gewerbliche Einrichtungen, Dorf- und Stadtbilder, regionaltypische Siedlungsformen und Ensembles, historische Straßen, Meilensteine, Wegkreuze, Bildstöcke und vieles mehr in Bild und Text dargestellt werden, was gewissermaßen zu einer kulturgeschichtlichen Gesamtszenerie führt.

Der ländliche Bereich

Solche Projekte lenken die Aufmerksamkeit auf den ländlichen Bereich: Die Dörfer und kleinen Ortslagen haben bisher im Bereich der Denkmalpflege keine vergleichbare Aufmerksamkeit und konzeptionelle Zuwendung gefunden, wie dies in den Städten und Ballungskernen der Fall ist. Darum ist noch ein Wort zur Konzeption der Denkmalpflege in den Dörfern sagen.

Zunächst wird es dem Grundgedanken des Denkmalschutzes nicht gerecht, wenn nur in der Fixierung auf Einzelobjekte gedacht wird. In Frankreich ist es zum Beispiel so, dass in den Denkmalschutz eines Hauses auch dessen Umgebung einbezogen wird. Das geht so weit, dass im näheren Umfeld eines geschützten Objektes kein Schwimmbecken mit hellblauem Anstrich geduldet wird. Man verlangt eine zurückhaltende Farbe, die nicht grell hervorsticht. Unter einem solchen Gesichtspunkt sind Entwicklungen zu bedauern, die zur Verstädterung unserer Dörfer führen. Dies zeigt sich in schleichenden Prozessen, die der alten Bausubstanz des Dorfes schrittweise neuen Ausdruck geben, vor allem durch die Verwendung neuer „pflegeleichter“ Materialien und industrieller Serienprodukte, aber auch durch eine Baugesinnung, die dem gewachsenen Charakter des Dorfes fremd ist. Die Denkmalpflege auf dem Dorf ist in der Krise, weil das Dorf selbst in der Krise ist, wie sich an zahllosen Erscheinungen ablesen lässt.

Das Problem unserer Dörfer kann eine Orientierung an falschen Vorbildern sein. Es fehlt im Gegensatz zu städtischen Bauplanungen immer noch der Beitrag der Architektur zu einem landschaftsverbundenem und dorfgerechten Bauen. Im gewerblichen Bereich stören die überdimensionierten Reklamen, beispielsweise für einen Lebensmittelmarkt, der sowieso keine Alternative hat. Auch die neonbeleuchtete Werbung für Sparkassen und Volksbanken belastet das Dorfbild. Kommen noch Peitschenlampen an den Straßen oder auch die falsche Romantik des sogenannten „altdeutschen“ Stils hinzu, die Möblierung des öffentlichen Raums mit aufgemauerten Pflanzbecken oder Waschbetonkübeln, so ist bereits genug getan, dem Dorf jeden eigenen Charakter zu nehmen.

In vielen Dörfern fehlt die Sensibilität für gestalterische Möglichkeiten. Diese wäre um so eher zu erreichen, je mehr die Einsicht wächst, dass die Dorfgemeinschaft selbst in erster Linie für das Gesicht des Dorfes und seine Verbesserung verantwortlich ist. Dann käme man vielleicht dazu, eine Ortsbildanalyse zu erstellen, um auf dieser Grundlage das Konzept für die Entwicklung eines dorfgerechten Gestaltungsplans zu erarbeiten. Dazu gehören als Ausgangspunkt die Grundstücksstruktur als Rahmen für die bauliche Entwicklung, sodann verbindliche Regeln für die Gestaltung der Dachlandschaft, die Gestaltung der Hausfassaden und ihre Farbgebung unter Eingliederung von Um- und Neubauten in das historisch gewachsene Ortsbild. Ganz entscheidend ist dabei die Anpassung der Fenster und Türen an die überkommenen Formen.

Am wenigstens kann von der Einbettung des Dorfes in seine landschaftliche Umwelt abgesehen werden. Jede Siedlung muss hier mit erhöhter Aufmerksamkeit achtgeben: dass Neubauzeilen nicht beliebig vom alten Kern in die Landschaft ausbrechen; dass Gewerbebauten in Form und Farbe die Maßstäblichkeit des Dorfes nicht brechen; dass Gärten, Hecken, Zäune und große Bäume alle Bauwerke miteinander verbinden; dass die Ortsein- und -ausfahrten bewusst gesehen und gestaltet sind; dass das Dorf nicht in die Landschaft hinein zerfranst, sondern eine geschlossene Kontur bewahrt …

Denkmalschutz, der sich auf Einzelobjekte beschränkt, ist zu schmal angesetzt

Erst in diesem Rahmen werden die historischen Denkmäler eines Dorfes ihre angemessene Beachtung finden. Es nutzt ja die bedeutendste Kirche nichts, wenn der Kirchenvorstand die Verschwisterung von Turm und Linde missachtet und ohne sorgfältige Erörterung mit allen Dorfbewohnern und den darüber hinaus Beteiligten einfach einen Trupp mit Kettensäge ordert. Die Kirche, die Kapelle, die Schule, alte Wohnhäuser, Scheunen und Ställe verlieren auch an Denkmalwert, wenn sie nicht in ihre Umgebung verträglich eingebunden bleiben. Darum ist ein Denkmalschutz, der glaubt, sich auf das konkrete Objekt beschränken zu können, immer zu schmal angesetzt.

Viele Dorfbewohner sind der Ansicht, ihr Dorf besäße keinen Denkmalwert, weil kein einziges Objekt in die amtliche Denkmalliste eingetragen ist; sie sehen nicht, dass bereits das Dorf selbst einen solchen Wert verkörpert: von seiner Lage, Gestalt und Geschichte her. Und fast immer übersehen sie auch die vermeintlich „kleinen“ Denkmale, verstreut zu findende Geschichtszeugen wie Grenzsteine, Kreuze, Bildstöcke und Privatkapellen, Mahnmale, Kriegerdenkmäler und alte Grabsteine, auch Kreuzwegstationen, die in die Landschaft führen. Diese kleinen und manchmal „beweglichen“ Denkmale halten die Geschichte eines Dorfes wach, erzählen Geschichten, ohne die das Bewusstsein und Leben der Menschen flacher würde. Im ländlichen Bereich sind solche kleinen Dinge durchweg die eigentlich prägenden und gestaltenden Elemente; als religiöse Denkmäler die lebendigen Zeugen des Glaubens, meistens verbunden mit dem Leben und Schicksal der Vorfahren. Oft werden sie mit Blumen oder Grün geschmückt, doch verlangen sie auch eine sorgfältig gestaltete Umgebung, damit sie nicht in eine Beiläufigkeit geraten, in der sie übersehen, missachtet oder vergessen werden.

Der Blick auf all die Zeugnisse vergangener Zeit nimmt die Vergangenheit in die Gegenwart hinein. Die Fülle der Denkmäler spannt unser Land und unser Leben in Beziehungen, die es bereichern und immer wieder neu anregen. Wollten wir uns vorstellen, es sei möglich auf alle diese Werte zu verzichten, in welchem Land wären wir dann? Würden dann Häuser, Straßen, Dörfer, Städte noch Geschichte haben und Geschichten erzählen? Gäbe es dann noch regionale Identität? Wir müssen alles tun, um den überkommenen Reichtum zu bewahren, weil er uns hindert, im geschichtslosen Niemandsland uns selbst zu verlieren.

Was ist Heimat?

Seit wann gibt es Heimat?

Hatten die Neandertaler Heimat?
Haben Nomaden eine Heimat?
Verließ Abraham seine Heimat, als er aus Ur in Chaldäa aufbrach?
Kam Odysseus nach langen Irrfahrten in die Heimat zurück?
Betrauerten die nach Babylon verbannten Kinder Israels die verlorene Heimat?
Gaben die germanischen Stämme, die sich auf die sogenannte Völkerwanderung machten, eine Heimat auf?
Seit wann ist Deutschland, Westfalen, das Sauerland, Stadt oder Dorf unserer Herkunft eine Heimat?
Seit wann gibt es Heimat?

Das Wort Heimat ist nicht übersetzbar

Heimat ist ein deutsches Wort. Es lässt sich in keine andere Sprache übersetzen.

Die Römer sprachen von patria. Patria ist das Vaterland; dem Wort fehlen die Gemütswerte, die sich mit Heimat verbinden.

Die romanischen Sprachen haben das lateinische Patria übernommen, aber keins dieser Wörter kann mit Heimat übersetzt werden.

Die Franzosen sagen Le pays natal, „das Land, in dem man geboren ist“. La patrie ist auch hier das Vaterland. Der Heimatlose ist sans patrie; der Heimatvertriebene wird zur personne déplacée.

Im Englischen heißt es home, native place, (native) country. Aber homeland läßt an die Reservate der Schwarzen in Südafrika denken und home kann auch für Haus, Wohnung und Elternhaus stehen.

Auch die Polen sagen: „Es ist schwer, das Wort Heimat ins Polnische zu übertragen. Manche Übersetzer lassen Heimat im deutschen Original stehen, weil es nichts Adäquates in unserer Sprache gibt“.

Woher kommen die Wörter „Heim“ und „Heimat“?

Die Wurzel heim- ist gemeingermanisch und hat die Grundbedeutung ‚Haus‘, ‚Wohnstätte‘ oder ‚Dorf‘. Gemeint ist der Ort, wo einer zu Hause ist. Der indogermanische Wortstamm heim– bedeutet ‚liegen‘ oder ‚ruhen‘.

Unverkennbar ist der Zusammenhang zwischen Heim und Haus, also die Bedeutung des (eigenen) Hauses als Basis von Heimat. Hier schafft Haus und Hof, das heißt Seßhaftigkeit, die Abgrenzung gegenüber „Vagabunden“ und Heimatlosen.

Noch um 1800 war Heimat ein besitzrechtliches Wort, aus dem man die Arbeits- und Versorgungsrechte eines Dorfbewohners ableiten konnte.

Die schwere Hypothek des Wortes Heimat

Wer arm und mittellos war, einen geringen sozialen Status hatte oder gar wegen geistiger oder körperlicher Behinderung an den Rand gedrängt, verlacht und verspottet wurde, konnte (und kann) innerhalb der Heimat die eigene Heimatverweigerung und Heimatvertreibung erleben.

Für viele andere kann hier ein Geschwisterpaar stehen, das wegen der geringen sozialen Achtung, die sich mit dem Status der Eltern, ihrer Behausung und ihrer schwachen Begabung verband, oftmals zum Gespött der Mitschüler wurde. Man nötigte die Kinder für einen Groschen auf eine Mauer, ließ sie von dieser Bühne herab singen und lachte über ihre hilflose Naivität. So wurden die durch Kleidung, Sprache, häusliche Gewalt und Schulversagen bereits Stigmatisierten noch tiefer in ihrer Seele verletzt. Der inneren Heimatvertreibung, die sie erfuhren, folgte die spätere Nötigung, fort zu gehen.

Nicht alle, die in unseren Dörfern zusammenwohnen, haben die gleiche Heimat. Im Namen der Heimat erfahren manche eine Heimatverweigerung:

  • wenn sie fremd sind,
  • sich durch Sprache oder Lebensstil unterscheiden,
  • mit Besitz, Wohnung und Sozialprestige nicht mithalten können.

In den ärmsten Zeiten unseres Landes haben darum viele Menschen aus Not ihre Dörfer verlassen und sind ausgewandert, weil die Heimat sie sozial heimatlos machte.

Das missbrauchte Wort

Es gibt eine Vielzahl von Wortverbindungen mit Heimat: Heimatland, Heimatort, Heimathafen, Heimatliebe, Heimatkunde, Heimatverein, Heimatdichter, Heimatfilm, Heimatvertriebene, Heimatverteidigung … Mit manchen dieser Begriffe verbinden sich Hypotheken, welche bis heute die Rede von Heimat belasten.

Auch adjektivische und adverbiale Formen sind geläufig: heimatlich, heimatverbunden, heimatlos usw. Aber heimisch ist nicht gleichbedeutend mit heimatlich, und wer sich heimisch fühlt, muss nicht einheimisch sein …

Der historische Rückblick zeigt, dass Heimat anfangs ein strenges Wort war: Es ging um Besitz, Recht und Rechtsansprüche. Privilegierung auf der eigenen Seite, Ausschluss auf der anderen. Die alte Linde, der rauschende Bach und der deutsche Wald sind Erfindungen von Bürgern, die sich in einer industrialisierenden Welt ein Rückzugsgebiet wahren wollten. Solcher Heimattümelei widerspricht die Überzeugung, dass Heimat nur dort sein könne, wo für alle volle und uneingeschränkte Demokratie garantiert sei, die niemanden mindert und keinen zum Fremdling macht.

Auch das Sauerland weiß von Zeiten, die manchen zwangen, sich in der Fremde eine Existenz zu suchen. Und erst zwei Generationen liegt es zurück, dass man die wenigen jüdischen Mitbürger, die wir hatten, zwang, ihre Heimat zu verlassen, ohne dass die Heimat sich empörte. Die vor die Tür Gesetzten bewahrten oft in ihren Möglichkeiten der Heimat die Treue, aber die Heimat nicht ihnen. Von Heimat, zeigte sich damals, konnten am stimmigsten die reden, denen die Rückkehr versagt war, während jene, die im oft Dumpf-Vertrauten blieben, in ihrer Nicht-Identität eigentlich heimatlos waren.

Heimat und Fremde

„Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen.“ Dieser erste Satz aus Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ legt Zeugnis dafür ab, dass ohne Wege in die Fremde der Blick für das Maß der Dinge nicht zu haben ist. Es ist fraglich, ob die Nur-Daheim-Gebliebenen (wie auch die Nur-Kosmopoliten) Heimat in einer umfassenden und bewussten Weise haben können.

Hier zeigt sich das Janus-Gesicht der Heimat. Jene, denen sie so selbstverständlich gegeben ist wie dem Fisch das Wasser, wissen am wenigsten um sie, so wenig sich der Fisch seines Lebensraumes bewusst ist. Heimat ist ein Paradoxon: Ohne Erfahrung der Fremde bleibt die Heimat zu flach. Wer sie als Besitz preist, wird ihr nicht gerecht: durch keine Romantisierung, durch keine Folklore.

Hanna Arendt hat Heimat als den Versuch verstanden, „in der Welt zuhause zu sein“. Damit verbindet sich ihr Aufgabencharakter, das Mühsame und auch ein mögliches Misslingen. Heimat ist ein immerfort gefährdetes, bedrohtes Gut. Zu eng geschnürt, wird Heimat verspielt, verfälscht oder auch verramscht. Provinzialität will durch offene Horizonte, regionales Selbstbewusstsein durch Offenheit gegenüber den Fremden aufgewogen werden. Eine Heimat, die Migranten kein Zuhause einräumt, hört auch auf, Heimat für die immer schon Ansässigen zu sein. In diesem Sinne ist Heimat ein Synonym für Menschlichkeit, die keine Grenzen zieht.

Heimat ist Utopie

Am intensivsten wird Heimat erlebt, so haben wir erkannt, wenn sie einem fehlt. Aber auch wenn man daheim ist, nährt sich das Heimatgefühl aus Fehlendem, aus dem, was nicht mehr oder auch noch nicht ist.

Heimat ist also nicht einfach „vorhanden“. Sie ist niemals „fertig“, sondern in einem gewissen Maße immer wieder neu zu erschaffen, neu aufzubauen, auf Fundamenten, die wir nicht zerstören können, ohne uns selber zu zerstören. Hier gilt das berühmte Wort Ernst Blochs, mit dem er sein „Prinzip Hoffnung“ abschließt: „Heimat ist, was allen in die Kindheit scheint und in dem noch niemand war.“

Zu keiner Zeit war Heimat etwas Fertiges, mit dem jedermann hätte zufrieden sein können, so dass es lediglich bewahrt werden müsste. Immer geht Heimat über die erreichten Lebensbedingungen hinaus, lässt nach den Übereinstimmungsmöglichkeiten der Schwächeren fragen und ist insofern – theologisch betrachtet – ein sich letztlich erst in Gott erfüllendes Bild.

Heimat als Identitätsfindung: Der Schatz hinterm Ofen

Die Verschränkung von Heimat und Ferne, Bleiben und Gehen, kommt auch in einer Geschichte zum Ausdruck, die von Rabbi Eisik, dem Sohn Jekels, aus Krakau erzählt:

Diesem hatte geträumt, er solle sich auf den weiten Weg nach Prag machen, um dort unter der Brücke, die zum Königsschloss führt, nach einem Schatz zu graben, der den armen Juden in Krakau erlauben würde, ein eigenes Bethaus zu errichten. Als der Traum zum dritten Mal wiederkehrte, zögerte Rabbi Eisik nicht länger und machte sich auf den weiten Weg nach Prag. Dort aber fand er die Brücke Tag wie Nacht von Wachen besetzt, und er getraute sich nicht, unter ihren Bögen zu graben. Doch kam er jeden Tag her und ließ die Brücke nicht aus dem Auge. Das fand die Aufmerksamkeit des christlichen Hauptmanns d                   er Brückenwache. Der sprach den Rabbi freundlich an: „Guter Mann, Ihr lauft hier auf und ab. Habt Ihr etwas verloren? Kann ich Euch helfen?“ So angesprochen, fasste sich Rabbi Eisik ein Herz und erzählte, welcher Traum ihn nach Prag geführt hatte. Der Hauptmann hörte es staunend: „Und da habt Ihr Euch eines Traumes wegen aufgemacht? Da hätte ich ja meinerseits aufbrechen müssen, träumte mir doch, ich solle in Krakau in der Stube eines Juden, Eisik, Sohn Jekels, nach einem Schatz hinterm Ofen suchen. Nun denke ich, dass ich in der Judengasse, wo links alle Eisik, rechts alle Jekel heißen mögen, Haus um Haus aufreiße, um doch keinen Schatz zu finden …!“ Und er lachte: „Vertut nicht Eure Zeit und geht nach Hause!“ Rabbi Eisik verneigte sich stumm, wandte sich um und wanderte heim. In seinem Haus in Krakau angelangt, schloss er die Tür, grub hinterm Ofen – und hob den Schatz, mit dessen Hilfe jenes Bethaus errichtet wurde, das bis heute nach ihm geheißen ist.

So ist es denn notwendig, dass jeder Mensch das eigene „Prag“ findet, wo immer dieses Prag liegen mag, um sich zu eigen zu machen, was jedem seit jeher zugehört.

Gibt es noch eine regionale Architektur?

Zum Begriff „Region“

Der Begriff „Region“ ist nicht eindeutig; er kann mal enger, mal weiter verstanden werden. Er kann einen in sich geschlossenen Landschaftsraum meinen, einen historisch geprägten Bereich als auch eine aktuelle politische Grenzziehung. Ebenso bestimmen und verändern wirtschaftliche Prozesse, Verkehrsstrukturen, soziale Veränderungen und politische Vorgänge eine Region. Das Definitionsproblem einer Region ist umso schwieriger, je mehr Merkmale dafür in Anspruch genommen werden. Welche Relevanz den Einzelfaktoren zukommt, kann nicht allgemeinverbindlich gesagt werden. Es kommt darauf an, unter welchen Aspekten von einer Region gesprochen werden soll.

In unserem Fall definieren wir unter architekturgeschichtlichen Aspekten das kurkölnische Sauerland – und nochmals enger den Hochsauerlandkreis als eine relativ homogene Region. Sie hebt sich deutlich ab vom Münsterland im Norden, von Hessen im Osten, nicht ebenso deutlich vom Märkischen Sauerland, vom Oberbergischen und vom Siegerland. Mit diesen Nachbarbereichen verbinden landschaftlich gemeinsame Merkmale und vergleichbare Bautraditionen.

Als jedoch das Westfälische Freilichtmuseum Detmold darin ging, neben dem Münsterländer und Paderborner Dorf auch ein Sauerländer Dorf zu errichten, das die ländliche Kultur der kurkölnischen Region für die 1920er Jahre museal dokumentieren soll, erarbeitete man in einem breit angelegten Forschungsprojekt das Hintergrundwissen für dieses Vorhaben. Übereinstimmendes Fazit der Beiträge war, dass man von einer Kulturregion Sauerland nicht sprechen könne, zu unterschiedlich präsentiere sich die Landschaft in ihren diffusen Grenzen, aber auch mit ihrem „kulturellen Inventar“. Man stellte fest, dass das heutige allgemein als landschaftstypisch bezeichnete Erscheinungsbild sehr jung sei. Die schwarz-weiße Fachwerkarchitektur entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge erster Verschönerungsaktionen. Auch der Schiefer setzte sich erst in dieser Zeit durch. Man müsse also vorsichtig mit der Zuschreibung regionaler Stereotypen umgehen.  (Beiträge zur Volkskunde und Hausforschung. Bd. 7. Westfälisches Freilichtmuseum Detmold, 1995, 251-254).

Bedingungen regionaler Architektur

Es bedarf also keiner Frage, dass der europäische Geschichtsraum eine Fülle regional geprägter Architekturen kennt. Jede Landschaft Europas hat ihr eigene Identität. Jedenfalls ist das ihre geschichtliche Mitgift. Ein dänisches Dorf sieht anders aus als ein sardisches Bergnest, wieder anders die toskanischen und umbrischen Städte auf den Kuppen der Berge, und natürlich unterscheiden sich bayerische Häuser von fränkischen Bauweisen, von Häusern im Berner Oberland, im Schwarzwald oder in Nordfriesland. Die regional unterschiedlichen Formen und Stilelemente sind nicht zufällig; sie haben je eigene Voraussetzungen in der Topographie des Landes, in den klimatischen Bedingungen, den Baumaterialien, welche die nähere Umgebung bereithält, in geschichtlichen und kulturellen Traditionen. Die Hausformen, die auf diese Weise entstanden, prägten ihre Landschaften und gaben ihnen ein Gesicht, das alles andere als ein Allerweltsgesicht ist.

Als weitere Bedingungsfaktoren für diese regionale Identität nenne ich:

Alle Baumaterialien kamen aus der engeren Umgebung

  • sie beschränkten sich auf wenige – miteinander harmonierende – Stoffe.
  • Die gesellschaftliche Struktur der Dörfer und Kleinstädte war homogen; sie wurde stark durch Brauchtum und Konvention geprägt. 
  • Man baute weniger nach individuellen Wünschen der Bauherren; auch die Architekten erstrebten keine Sonderentwicklungen. Vorherrschend waren traditionell festgelegte Formen. Natürlich unterschieden sich die Häuser je nach Funktion und sozialem Status, blieben aber aufeinander bezogen. Selbst arme, bescheidene Häuschen korrespondierten mit reicheren Anwesen in der Verwendung der Materialien, der Gliederung der Fassade, der Ausformung der Gesimse und Dachüberstände etc. 
  • Diese Einheitlichkeit fand in früheren Jahrhunderten ihr Gegenstück in Kirchen und Kapellen, in Klosteranlagen und in den Adelssitzen. Da diese Bauten sich aber ebenfalls auf die Materialien der Umgebung beschränkten, hoben sie sich zwar durch Größe und eine repräsentative Form heraus, blieben jedoch mit der übrigen Bebauung in einem Zwiegespräch.

Die Auflösung regionaler Architektur

Erste Durchbrechungen entstanden mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, auch mit den Bauten der Gründerzeit und des später folgenden Jugendstils. Für das sensible Auge damaliger Menschen war das bereits eine Belastung. So beklagte sich der damalige Olper Kreisbaumeister Rinscheid in einem Bericht zur baulichen Situation über die vereinzelten neuen Jugendstilbauten. Für ihn waren diese Häuser architektonische Ausreißer. Heutigen Augen erscheinen sie hingegen als erfreuliche Lichtblicke im oft weniger niveauvollen Umfeld.

Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat die meisten der genannten Rahmenbedingungen geändert:

  • Die Fülle und Herkunft der Baumaterialien verwirrt Architekten und Bauherren; sie vernichtet in ihrer Summe jede regionale Identität.
  • Das was man früher das „gemeine Volk“ nannte, gibt es nicht mehr. Dieser Kultur entsprangen Brauch und Sitte, gemeinsame Anschauungen, gemeinsame Lebensformen. Ihrer Auflösung folgte eine bis zum Tag immer stärkere Ausprägung nicht mehr individuell, sondern individualistisch zu nennenden Bestrebungen. Sich vom Nachbarn abzuheben, ganz etwas anderes zu wünschen, zu bauen und vorzuzeigen, ist eine heute immer noch weiter zunehmende Tendenz.
  • Hinzu kommt wachsende Orientierungslosigkeit: Wenn traditionelle Bauformen aufgegeben werden, muss jeder einzelne Bauherr/Architekt Sinn und Ästhetik für Veränderungen am Haus und für neue Planungen aufbringen. Das überfordert viele. Es führt aber auch zu einer stilistischen Gemengelage, die zusammenmixt, was dem Durchschnittsgeschmack „gefällt“.
  • Die meisten Bauherren wie Architekten betrachten ihr jeweiliges Objekt völlig isoliert. Der bereits bestehende bauliche Kontext gewinnt keine orientierende Funktion. So finden sich in vorhandene Baulücken – zumal der Dörfer – Häuser gesetzt, die in keinem Gespräch mit ihrer Nachbarschaft stehen und den gewachsenen Zusammenhang zerreißen.
  • Den wirtschaftlichen Veränderungen und veränderten Lebensgewohnheiten entsprechen veränderte Ansprüche. Für ästhetisch geschulte Leute kann das dazu führen, alte Bausubstanz neu zu sehen, sie zu renovieren und mit modernen Komfortansprüchen zu verbinden. Wer dafür keinen Blick hat, setzt immer öfter städtische Versatzstücke ins Dorf. Beispiele dafür sind allgegenwärtig. Man kann von einer Verstädterung der Dörfer sprechen. Die ubiquitäre Verfügbarkeit aller Baumaterialien als auch die sich angleichenden Arbeitsverhältnisse, Lebensansprüche und Lebensvorstellungen führen dazu.

Was heißt heute „regionale Architektur“?

Die bauliche Entwicklung im nun bald abgeschlossenen Jahrhundert lässt von einer Auflösung ihrer regionalen Prägung sprechen. Das überall bestehende Angebot vielfältiger Baumaterialien zu überregional gleichen Preisen, vereinheitlichte Technologien, der individualistische Ehrgeiz, sich von den Nachbarn unterscheiden zu wollen … widerstreben jeder regionalen Besonderheit. Darum unterscheiden sich die meisten Neubaugebiete unterschiedlicher Regionen bereits seit Jahrzehnten nicht mehr voneinander.

Dennoch sind innerhalb der Region „kurkölnisches Sauerland“ nochmals regionale Unterschiede festzustellen. In Gemeinden, die sich stark auf den Fremdenverkehr ausrichten, findet sich ein deutlich höheres Problem- und Qualitätsbewusstsein. So ist das Schmallenberger Sauerland, wie überhaupt der mittlere und östliche Hochsauerlandkreis bewusster auf den Erhalt und die Pflege der baulichen und landschaftlichen Identität ausgerichtet, als am Erscheinungsbild des westlichen Kreisgebietes, etwa Teilbereichen von Neheim und Sundern abgelesen werden kann. Allerdings zeigt ein näheres Zusehen selbst in den Schmallenberger „Golddörfern“, dass manche Fachwerktradition doch eine recht schadhafte Tapete zu werden droht, deren äußerliches Bild sich immer mehr aushöhlt, beispielsweise durch neue Fenster, die durch falsche Formate, Einscheibenkippfenster und imitierte Profilleisten den Fassaden ihre Stimmigkeit nehmen.

In der Summe fällt mir auf, dass es in unserer Region kaum Ansätze wirklich moderner Baugesinnung gibt. Das ist zu bedauern, denn – wenn es noch eine regionale Architektur geben soll – kann sie nicht einfach in der Repetition früherer Bautraditionen bestehen. Soweit es um öffentliche Bauten geht, gibt es zweifellos einige architektonische Beispiele, die modern sind und sich doch gut in vorgegebene Zusammenhänge fügen. Eine klare architektonische Formensprache verträgt sich immer mit alter Substanz, wohingegen Bauten, die auf Repräsentanz und Geltung setzen – Sparkassen und Hotelbauten – oft ein Bild architektonischer „Unsauberkeit“ abgeben.

Am meisten hat der Wohnungsbau mit Einfamilienhäusern das Land verändert. Hier steuern Städte und Gemeinden durch ihre Flächennutzungs- und Bauleitpläne bereits viele Fehlentwicklungen. Die Veränderungen der Sozialstruktur – vorzugsweise Einpersonenhaushalte und ein sich umkehrender Altersaufbau – werden in Zukunft den Geschosswohnungsbau stärker favorisieren. Insgesamt gibt es im Wohnungsbau zu wenige maßstabsetzende Beispiele, die das öffentliche Bewusstsein bestimmen, um eine architektonische Neubesinnung anzuregen. Ich nenne zwei Punkte, die m.E. der Überprüfung bedürfen:

  1. Bebauungspläne, die einen hohen Landverbrauch haben, weil sie in erster Linie dem Wunsch folgen, dass jeder um sein eigenes Haus herumgehen kann; auf diese Weise entstehen jene langweiligen Neubaugebiete, in denen sich Häuschen an Häuschen reiht, ohne dass es bei dieser spannungslosen Addition zu differenziert gegliederten öffentlichen Räumen käme.
  2. Das Unterlassen von Gestaltungssatzungen bzw. Bauauflagen, die ortsuntypische und belastende Ausreißer verhindern. Ursächlich dafür sind meistens ein fehlender Sinn für diese Aufgabe als auch die Scheu, dem Bürger Grenzen zu zeigen, obwohl ihm letztlich gerade geholfen wird, ausgesprochen belastende Fehlentscheidungen zu vermeiden.

Eine regionale Architektur könnte es auch in Zukunft geben, wenn sie sich bemühen würde, das Gespräch mit der vorhandenen historischen Bausubstanz aufzunehmen. Im kurkölnischen Sauerland verdienen dafür zwei Kriterien Beachtung:–

  1. Die vorhandene Dachlandschaft respektieren. Wo das Schieferdach einer Ortschaft ihren Charakter gibt und anthrazitfarbige Dachpfannen sich über Jahrzehnte anpassen, sollten rote Dächer ausgeschlossen bleiben.
  2. Die Gestaltung der Fassaden auf wenige, landschaftstypische Materialien beschränken. Weiße Fassaden prägen durchweg die Ortsbilder. Kunststoffmaterialien und Baustoff-Immitationen sind auszuschließen.

Werden diese Auflagen beachtet, was je nach Charakter eines Bauwerkes auch dessen Kubatur im vorgegebenen Kontext einschließt, könnte es zu einer Bauentwicklung kommen, mit der sich weiterhin eine gewisse regionale Identität verbinden lässt.

Die insgesamt unbefriedigende Situation geht nicht nur auf Kosten der Architekten. Viele der problematischen Erscheinungen resultieren aus einem Renovierungs- oder Bauwillen, der ohne Architekten auszukommen glaubt. Das hat immer auch mit einer zu geringen Bewusstseinsbildung zu tun. Architektur ist leider kein relevantes Thema im öffentlichen Raum. Die Zeitungen rezensieren ein Konzert oder eine Theateraufführung, aber ein neues Bauwerk, eine Bauplanung, die Entwicklung eines Neubaugebietes bleibt unter Ausschluss jeder öffentlich reflektierten Meinung. Hier haben die Zeitungsredaktionen ein Defizit, hier mangelt es aber auch an fähigen Kritikern. Es braucht mehr veröffentliche Architekturkritik, damit die Zahl jener Zeitgenossen wächst, die sehen und urteilen können, um zu einer reifen Baukultur beitragen.

Statement zur Podiumsdiskussion „Bauen in der Region Hochsauerlandkreis“ Architektenkammer NRW, Kammer vor Ort, Arnsberg, 27. Mai 1999.

Das gemeindliche Leben erodiert

Ein Zeitfenster für rettende Wege gilt nur noch ein bis zwei Jahrzehnte

In der Zeitschrift SAUERLAND habe ich bereits zwei Mal über den Rückzug der Kirche aus unseren Dörfern geschrieben (Heft 3/2006: „Vom Ende einer Kirchengestalt. Über die Folgen des anwachsenden Priestermangels“ und 2/2010: „Traditionsabbruch und Neubeginn. Wie die Kirche im Dorf bleiben kann“).

Im ersten Beitrag wurde statistisches Material über die Situation der Gemeinden und die Entwicklung des Priestermangels ausgebreitet und deutlich gemacht, dass die bisherige Klerikerkirche ein Auslaufmodell ist. Es wurde aber auch gesagt, wenn die Gemeinden sich nicht länger nur „versorgen“ lassen sondern ihre eigenständigen Möglichkeiten aufgreifen wollen, könne der Mangel zugleich die Wende zu einer vitaleren Zukunft werden, die von der Klerikerkirche zu einer Kirche der Kooperation und Mitverantwortung führe.

Der zweite Beitrag befasste sich mit der pastoralen Neuordnung der Seelsorgsbezirke: Die bisherigen 213 Pastoralverbünde wurden zwei Jahre zuvor im gesamten Erzbistum Paderborn auf etwa einhundert reduziert. Im Hochsauerlandkreis wurden die bis dahin 131 Pfarreien zu 30 neuen Pastoralverbünden zusammengeschmolzen, „um Planungs- und Struktursicherheit für den Zeitraum bis 2030 gewährleisten zu können“ und „die Zukunftsfähigkeit des Erzbistums in der heutigen Gesellschaft zu stärken“. In den kommenden Jahren werden diese noch einmal auf nur zehn Pastoralverbünde und zwei Großpfarreien reduziert. Das neue Dekanat Olpe deckt sich mit dem Gebiet des Kreises Olpe und umfasst statt bisher 14 Pastoralverbünden derzeit nur noch sieben, demnächst nur sechs, da Drolshagen zu Olpe soll.

Diese neue Einteilung gilt allerdings nur für die nächsten achtzehn Jahre, um wenigstens „die Arbeitsbedingungen zu sichern“. Über die Entwicklung nach 2030 könnten die vorliegenden Daten zwar auch schon heute Prognosen gestatten, doch will hier kein deutscher Bischof über die eigene Amtszeit hinaus ein Ende der bisherigen Kirchengestalt einräumen. Denn bleibt es bei der herrschenden Immobilität Roms und der Bindung der Bischöfe an die bestehende Ordnung, ist mit einer ständigen Vergrößerung der Räume bei einem weiter schrumpfenden Restbestand überforderter Kleriker zu rechnen. Irgendwann gibt es dann nur noch „pastorale Zentren“ in Arnsberg, Meschede, Warstein, Marsberg, Schmallenberg, Attendorn und Olpe, – oder gar nur noch dem „Pastoralverbund Sauerland“? Ist das Schwarzmalerei angesichts der heute 5 oder 6 Priesterweihen pro Jahr in Paderborn – die ja auch nicht voll verfügbar werden, sondern durch Überforderung, Resignation, Krankheit, Todesfall und Verwaltungseinsätze zusätzliche Einschränkungen erfahren?

Stimmen zur kirchlichen Situation

Angesichts dieser alarmierenden Verhältnisse überrascht es, dass immer noch nicht nüchtern die Situation bedacht und beraten wird. Die Kirchenpresse versucht, die monströs wachsenden Großraumpfarreien mit Modernisierungsaspekten zu rechtfertigen oder sie gar schön zu reden. Die Bistumsleitungen stellen sich ungern öffentlichen Diskussionen, obwohl sie dies Klerus und Gemeinden schuldig sind. Dass sie auf diese Weise – dem Kirchenrecht entsprechend – vor allem die sogenannten Laien vor der Tür halten und als Gesprächspartner ignorieren, wird Spätfolgen haben. Die Einschätzung des Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, „dass wir in den nächsten Jahren in einem Zeitfenster sind, in dem sich für die weitere Entwicklung der katholischen Kirche in Deutschland viel entscheiden werde“, gilt vor allem für die Entwicklung des Seelsorgsstrukturen.

Die alarmierende Situation betrifft das Sauerland und seine dörflichen Pfarreien mehr als großstädtische Bereiche. Dennoch ist es kein regionales Problem sondern eine Überlebensfrage für das gesamte Mittel- und Westeuropa. Darum zunächst einige Stimmen zur Situation.

Im Januar 2011 wandte sich ein Kreis prominenter CDU-Politiker an die deutschen Bischöfe mit der Bitte, wegen der „besorgniserregenden Zunahme des Priestermangels …, die Zulassung von viri probati (bewährten aber verheirateten Männern) zur Priesterweihe zu ihrem eigenen Anliegen zu machen und sich dafür in der Gemeinschaft der Bischöfe der Weltkirche und vor allem in Rom mit Nachdruck einzusetzen“. Bundestagspräsident Lammert warf in einem anschließenden Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung dem Vatikan vor, er beschäftige sich „mit dem Problem in einer Weise, die diesem absolut nicht gerecht wird“. Weil offensichtlich die Kirchenoberen glaubten, das Problem „aussitzen“ zu können, müssten nun die katholischen Laien die Sache selbst in die Hand nehmen. „Ich wünsche mir auch mehr Tapferkeit von deutschen Bischöfen in dieser Frage.“

Fast gleichzeitig stellten die deutschsprachigen Theologen in ihrem „Memorandum Freiheit“ fest: „Christliche Gemeinden sollen Orte sein, an denen Menschen geistliche und materielle Güter miteinander teilen. Aber gegenwärtig erodiert das gemeindliche Leben … Historische Identitäten und gewachsene soziale Netze werden aufgegeben. Priester werden ‚verheizt’ und brennen aus. Gläubige bleiben fern, wenn ihnen nicht zugetraut wird, Mitverantwortung zu übernehmen und sich in demokratischeren Strukturen an der Leitung ihrer Gemeinde zu beteiligen. Das kirchliche Amt muss dem Leben der Gemeinden dienen – nicht umgekehrt. Die Kirche braucht auch verheiratete Priester und Frauen im kirchlichen Amt.“

Ähnlich kritisierte der Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz die Seelsorgsplanung der katholischen Kirche in Deutschland. Durch ihre sich ständig vergrößernden Seelsorgsbezirke wachse auch der Beteiligungsschwund der Menschen. Er forderte die Bischöfe auf, „endlich damit ernst zu machen, dass sie nicht nur zum jeweiligen Papst gehören, sondern auch zu ihren Gemeinden“, deren Rechte sie in Rom viel energischer einfordern müssten.

Die österreichische Laieninitiative „Wir sind Kirche“ fragte: „Muss erst ganz Österreich zu einer einzigen Pfarrei schrumpfen oder die Selbstmordrate deutlich steigen, damit die Herren auf den Bischofsstühlen einen Notstand in der Kirche erkennen?“ Eine österreichische Pfarrer-Initiative erließ einem „Aufruf zum Ungehorsam“, dem sich über 400 Pfarrer anschlossen und erklärte: „Wir werden möglichst vermeiden, an Sonn- und Feiertagen mehrfach zu zelebrieren oder durchreisende und ortsfremde Priester einzusetzen. Besser ein selbstgestalteter Gottesdienst als liturgische Gastspielreisen.“ Der Sprecher dieser Initiative, Helmut Schüller, sagte: Wir haben die Vermutung, wenn nicht sogar die Gewissheit, dass die Bischöfe die Pfarreien aufgegeben haben.“ Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn habe es ja eindeutig formuliert: Die schwindenden Priesterzahlen seien eigentlich kein großes Problem, denn er brauche „nur mehr die Hälfte der Priester, weil auch nur mehr die Hälfte der Leute zu den Gottesdiensten kommt.“ Damit allerdings, antworten ihm die Pfarrer, verdränge der Kardinal, dass das Leben der Kirche nicht nur aus Eucharistiefeiern bestehe. Zum andern frage er sich offenbar auch nicht, warum die Leute wegblieben und wie man das ändern könne. Schließlich wird doch wohl ein theologischer Defekt angezeigt, wenn Priester nur noch mit Sonntagsmesse statt mit Gemeindeleben und umfassender Seelsorge verbunden gedacht werden.

Wie extrem sich bischöfliches Denken verhaspeln kann, exerzierte in diesem Jahr der Bischof von Augsburg, Konrad Zdarsa. Innerhalb der nächsten dreizehn Jahre, will er die rund 1000 Pfarrgemeinden seiner Diözese auf nur 200 zusammenlegen. Obwohl heute schon die Hälfte seiner aktiven Priester über siebzig Jahre alt ist, verengt er sein Kirchenkonzept weiterhin auf den sonntäglichen Eucharistiegottesdienst, ohne eine Perspektive zu haben, wie dies nur zehn Jahre später noch praktizierbar sein soll. Im gleichen Text, mit dem er seine Megagemeinden beschreibt, verbietet er sonntägliche „Wortgottesdienste“, die in den derzeitigen Gemeinden noch möglich wären, wenn man den „Laien“ dazu Rechte und Hilfen einräumen wollte. Die Leute sollen dorthin gehen, wo noch Messe gelesen wird, und die Priester sollen von einem Altar zum anderen hasten. Alle sollen sich bewegen, nur die Entscheidungsträger der Kirche bewegen sich nicht.

Was im Bistum Augsburg vor sich geht, ist nicht Ausnahme sondern die reguläre römische – und damit auch deutsche – bischöfliche Richtschnur: Der Klerus schottet sich ab gegen die Laien. Die Zahl der verbleibenden Priester bestimmt die Zahl der verbleibenden Seelsorgsbezirke. In Paderborn gilt die vorläufige Berechnung noch vorhandener Priester und zu „versorgender“ Pastoralverbünde (siehe „Sauerland“ 2/2010) bis zum Jahr 2030; danach bleibt auch hier nichts anderes übrig als die bereits weit überdehnten Megaverbünde erneut zu vergrößern – bis dann zwanzig, dreißig Jahre später das System endgültig kollabiert und nur noch eine Kirche der Denkmalpflege überdauert, die voll damit beschäftigt ist, Besitz und überkommene Ansprüche zu verwalten.

Der Schweizer Pastoraltheologe Leo Karrer meint, hier gehe „so etwas wie ein Kulturkampf gegen die Moderne im eigenen Haus“ vor sich. Man storniere „die Reformschritte, die pastoral so dringend nötig und theologisch möglich sind.“ Er fragt aber auch: „Wo sind bei uns Gruppen und Verbindungen, die die konkreten Reformanliegen, die der Kirche Zukunft eröffnen, gelegen oder ungelegen anmahnen?“ Beim kirchlichen Personal kritisiert er „eine Anpassungswilligkeit an das System, auch wo es kirchentheologisch und pastoral weiterführende Alternativen zu erwägen gilt“. Stattdessen bezahle man „mit sich selber“.

Tatsächlich nehmen die Gemeinden alles, jedenfalls aber viel zu viel hin. Darum ist es ungerecht, nur das bischöfliche Denken und Handeln zu kritisieren. Statt zu sagen: Wenn kein Pastor mehr da ist, sind wir da, selbstverantwortlich! bleibt es über alle Zeiten hinweg bei der auf Katechismus und Gehorsam geeichten Passivität, ohne ein Bewusstsein von Selbstzuständigkeit, das sagen lässt: „Wir sind Kirche“.

Über priesterlose Gemeinden

Die bisherige Kirchentradition ist mit der Haltung verbunden, sie für unveränderlich oder gar gottgewollt zu halten. Die Realitäten der Gegenwart zwingen allerdings dazu, nicht mehr funktionierende Strukturen in neue Ordnungen zu überführen. So fragte Pater Friedhelm Hengsbach SJ beim Alternativprogramm zum Mannheimer Katholikentag am 17. Mai 2012: „Was muss geschehen, wenn die Bischöfe die Solidarität untereinander und mit der zentralen höheren Autorität als gewichtiger einschätzen als die Solidarität mit den ihnen anvertrauten katholischen Christen?“ Und antwortete, sie sollten sich selbst vernetzen und gemeinsam das tun, was sie in der Treue zur Botschaft des Jesus von Nazaret für richtig halten: „Auf die Zentralisierung der Mega-Pfarreien könnten sie mit Initiativen der pastoralen Nähe und der Liturgien des Lebens antworten.“ Dazu bieten sich drei Varianten an:

Das Modell Poitiers

Das erste Modell hat der französische Erzbischof von Poitiers, Albert Rouet, in seinem Sprengel entwickelt. In Nummer 3/2010 unserer Zeitschrift habe ich es vorgestellt. Bischof Rouet weigert sich, den ländlichen Raum zu entleeren. Sein Prinzip lautet: Nähe geht vor räumliche Weite. Menschen haben Vorrang vor Verwaltungsstrukturen. Kreative Beteiligung ist wichtiger als bürokratische Effizienz. Was Menschen vor Ort brauchen, geht jeder Sorge der Kirche um sich selbst vorauf. Deshalb müssen die Gemeinden nicht nur bestehen bleiben. Es sollen sich sogar neue Gemeinden bilden, wenn Menschen sich dafür mit eigenem Engagement entscheiden.

Eine ausschließlich vom Pfarrer abhängige Pfarrgemeinde gilt im Erzbistum Poitiers als überholt. „Wenn man befürchtet, dass die Laien nicht zum pastoralen Handeln fähig sind, warum firmt man sie dann?“ fragt der Bischof. Er will die Gemeinde nicht mehr vom Pfarrer her definieren.

Für eine örtliche Gemeinde werden fünf Verantwortliche verlangt. Sie sichern den sonntäglichen Gottesdienst, die Katechese der Heranwachsenden, die Betreuung der Alten, Kranken und Hilfsbedürftigen; auch die Gestaltung von Begräbnisfeiern … Natürlich sollen sie andere Menschen, die dazu geeignet sind, hinzuziehen. „Selbst wenn wir viele Priester hätten, wäre es normal, diese Gemeinden zu konstituieren.“ Aber die neuen Gemeinden werden nicht gebildet, um fehlende Priester zu ersetzen, sondern um das Christentum lebendig zu halten und viele Fähigkeiten in die Verantwortung einzubinden. Nun wird in jeder örtlichen Gemeinde alle Sonntage Gottesdienst gefeiert. Die Dorfkirche bleibt nicht geschlossen mit dem Hinweis, die nächste Heilige Messe finde zehn Kilometer entfernt statt. Die Kirchengemeinde existiert vor Ort.

Was diesem Kirchenmodell am meisten im Wege steht, ist die alte Furcht vor Demokratie in der Kirche. „Sagen wir es in aller Klarheit, hier geht es um Macht“, sagt Bischof Rouet. Diese Position will er dem Pfarrer nicht länger einräumen. Er wertet den heutigen Priestermangel als Chance, der Kirche eine neue Zukunft zu erschließen. So sind im Erzbistum Poitiers in zwölf Jahren pastoraler Arbeit bereits mehr als dreihundert örtliche Gemeinden neu entstanden. Das Empfinden von Schwäche und Schwund, das bis dahin geherrscht hat, nimmt ab. Spürbar lebt die Hoffnung auf. Die Menschen wandeln sich durch die Ausübung ihrer Aufgaben. Auch wenn das Beispiel Poitiers nicht einfach kopiert werden muss, ist es doch ein Modell, das kreativ auf deutsche Verhältnissen hin bedacht und übersetzt werden kann. Dann täuschen die Kirchtürme unserer Sauerländer Dörfer keine falsche Präsenz vor. Was Kirche sein kann gewinnt eine reifere Form christlicher Mündigkeit.

Poitiers ist ein Modell. Es fordert zunächst eine neue Einstellung zu den Fähigkeiten christlicher Laien heraus. Es mag in Eversberg anders diskutiert und realisiert werden als in Kirchrahrbach, aber allein der Umstand, dass es breit durchdacht und erprobt wird, weckt neue Kräfte. Falls es ein deutscher Bischof wagen würde, diesen Weg zu erproben, statt pauschal zu behaupten, man könne nicht Frankreich in Deutschland imitieren, würde er nicht verlieren, sondern mit den Zeichen der Hoffnung, die er setzt, einen neuen Horizont aufreißen. Er muss nur Vertrauen zu seinen Gemeinden haben, sie ermutigen, ihnen Anregungen geben, auch kreative Menschen, die im jetzigen Gefüge „nichts zu sagen“ haben, einbeziehen und er muss auf jenen Heiligen Geist setzen, der sonst nur dogmatisch zu Wort kommt. Dann wird die Wüste zu blühen beginnen; Initiativen werden entstehen, für die es bisher keine Phantasie gab, Gottesdienste verbinden sich mit meditativer Stille; liturgisch nicht festgelegte Feiern gestatten in Textwahl, Auslegung und Sprache mehr Kreativität als es das Ritual der Messfeier zulässt. Denn wenn es auch nicht gerne zugegeben, sondern mit theologischen Wertungen zurückgewiesen wird, ist doch zu sehen, dass für sehr viele Menschen die Voraussehbarkeit von Wort und Ritual in der Messe und die ständig gleichen Wiederholungen ein Problem darstellen.  Sie können damit nichts anfangen und wenden sich lieber Erfahrungen zu, die ihnen neue Impulse geben.

Das Modell „Kirche im Dorf“

Falls der Bischof den Mut zu solchen Wegen nicht aufbringt, sollte er dennoch sehen, dass er keine Pfarrer mehr stellen kann und gerade darum alles tun muss, um die Gemeinden vor Ort lebendig zu erhalten. Selbstgestaltete Gottesdienste an Samstagen und Sonntagen in den Dorfkirchen zu verbieten, um die Leute zu zwingen, in unterschiedlich entfernte Nachbarkirchen zu fahren, nimmt dem Bischof wie der Kirche insgesamt Glaubwürdigkeit. Es ist nicht darauf zu verzichten, weiterhin in christlichen Gemeinschaften und Gemeinden zu leben, miteinander Gottesdienst zu feiern, Gläubigen und Nichtgläubigen das Evangelium Jesu zu erschließen und es mit Gläubigen wie Nichtgläubigen in heutige Verhältnisse zu übersetzen. Wenn die Kirchen nicht zu Gräbern Gottes werden sollen, müssen sie sich mehr als sie es heute sind, zu Orten des Wortes und der Besinnung entwickeln. Sie dürfen auch Orte der Kultur sein, sollten aber nicht für Restaurants und Konzertsäle aufgegeben werden.

Vorgeordnet bleibt allerdings, dass der christliche Glaube primär Praxis ist. Darum muss vor jeder Liturgie der erste Ort des Gottesdienstes der Dienst an Menschen sein, den alle einander schulden. Die Kinder-, Jugend-, Familien-, Kranken-, Alten- und Armenseelsorge in der Gemeinde gehören hinzu, nicht als „Dienstpflicht“ eines Priesters, sondern als Aufgabe aller. Das verlangt die Begleitung der Menschen in gesunden wie in kranken Tagen, das Gespräch mit Kindern und Heranwachsenden, mit glücklichen und unglücklichen Menschen. Wenn sich aber „Kirche“ immer mehr in Megaräumen verflüchtigt, verlagert sich die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung aus den konkreten dörflichen Strukturen und verbindet sich mit den neuen Zentren. Das forciert den Verfallsprozess der Gemeinden, und dies um so heftiger, wenn die bestehende Abhängigkeit vom Klerus keine eigenständige Laienkompetenz und Verantwortung entstehen lässt – was das Kirchenrecht bisher ja auch nicht einräumt. Darum kann seitens der Bistumsleitung auch gar nicht genug getan werden, das Laienengagement in den Gemeinden systematisch zu bilden.

Das Modell „Priesterlose Eucharistiefeier“

Für die folgende Darstellung ist ein wenig Theologie zu bemühen. In can. 900 § 1 des Codex Iuris Canonici wird erklärt: „Nur der gültig ordinierte Priester vermag in der Person Christi das Sakrament der Eucharistie zu vollziehen.“ Das Kirchenrecht ist allerdings nicht der angemessene Ort, dogmatische Aussagen zu treffen und hinreichend abzuwägen. In der hier anstehenden Frage hat das Zweite Vatikanische Konzil genauer überlegt. Es hat zwar auch gesagt, „die vollständige Wirklichkeit“ der Eucharistie bedürfe des gültig geweihten Priesters, jedoch ergänzt, wenn ein solcher nicht vorhanden sei, bedeute dies keineswegs, dass die Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums in der Feier des Abendmahls nicht existiere. Entscheidend nach dem Dekret über den Ökumenismus, Art. 22, ist eine Gemeinschaft von Christen, die das Gedächtnis des Herrn, seines Todes und seiner Auferstehung in der Feier des Herrenmahles begeht. Im Kommentar zu diesem Dekret, den der am Konzilsprozess beteiligte Schweizer Theologe Johannes Feiner verfasste, heißt es, dass „nicht bestritten ist, dass auch in der protestantischen Abendmahl feiernden Gemeinde Christus gegenwärtig wird“. Wenn schon allgemein gelte: „Wenn zwei oder drei auf meinen Namen hin versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20), so gelte dies „erst recht von der eucharistischen Versammlung … Auch der Katholik darf also die protestantische Abendmahlfeier nicht als bloßes, unwirksames Zeichen betrachten“ (LThK, Ergbd. II, S. 118).

Was der zitierte Konzilstext von einer Abendmahlfeier in den Kirchen der Reformation sagt, muss logischerweise auch von der Feier einer Gemeinschaft katholischer Christen gelten. Da es in Zukunft immer mehr Gemeinden gibt, die ohne ordinierten Vorsteher bleiben, werden sich auch katholische Christen auf den zitierten Konzilstext berufen dürfen. Der Salzburger Liturgiewissenschaftler Franz Nikolasch pointiert: „Angesichts der gegenwärtigen pastoralen Situation, in der viele Gemeinden … nicht mehr jeden Sonntag eine Eucharistiefeier begehen können, wäre von einer Kirchenleitung, für die nicht Machtdenken im Mittelpunkt steht, sondern für die das Heil und das Glaubensleben der Gemeinden entscheidend ist, zu erwarten, dass sie alle Möglichkeiten ergreift, um diesen Gemeinden eine sonntägliche Eucharistiefeier, gegebenenfalls auch ohne ordinierten Vorsteher zu gewährleisten … Ein ordinierter Vorsteher ist zwar wichtig für die Eucharistiefeier, aber nicht entscheidend für deren Wirklichkeit“ (imprimatur 3/2012, S. 129).

Weitere Lösungswege

Es gibt noch weitere Möglichkeiten, den kirchlichen Rückzug aus der Fläche und einem damit verbundenen Kollaps vorzubeugen, wenngleich diese Lösung sich der „Kirche von unten“ entzieht. Hier ist an Modelle zu denken, die in Schweizer Bistümern praktiziert werden. Dort dürfen sogenannte Laientheologen, das sind voll ausgebildete Theologen ohne Priesterweihe, in die leer stehenden Pfarrhäuser einziehen und alle Aufgaben eines Pfarrers übernehmen mit Ausnahme der Eucharistiefeier. Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Laientheologen, deren Ausbildungsniveau exzellent ist. Was gegen ihren pastoralen Einsatz steht ist die Angst, dieser Weg bedeute, dass dann erst recht niemand mehr zölibatärer Priester werden möchte.

Um diesen Knoten zu lösen, hatte sich bereits am 9. Februar 1970 eine Gruppe von neun Theologen angesichts einer „notvollen Situation der Kirche … in aller Ehrfurcht“ an die deutschen Bischöfe gewandt und um eine Überprüfung der Zölibatsregelung gebeten, weil es „theologisch einfach nicht richtig“ sei, „dass man in neuen geschichtlichen und gesellschaftlichen Situationen etwas nicht überprüfen“ müsse. Zu den Unterzeichnern zählten u.a. Karl Lehmann, Walter Kasper – und Joseph Ratzinger. Sie schrieben, „alle“ Verfasser des Memorandums seien „davon überzeugt, dass eine Überprüfung [des Zölibatgesetzes] auf hoher und höchster kirchlicher Ebene angebracht, ja notwendig ist“. Sie wünschten, die deutschen Bischöfe möchten dieses Anliegen dem Papst vortragen, „selbst wenn ein solcher Rat ungern gehört würde“. Ihr Argument: „Wenn schon ein einfacher Untergebener Recht und Pflicht hat, sich zu fragen, ob er den ihm Übergeordneten nicht in wichtigen Dingen ungefragt Bedenken und Warnungen vortragen könne und müsse, um wie vielmehr gilt dies auch für die Bischöfe in der katholischen Kirche, auch gegenüber dem Papst?“ In der Sache führten sie aus: „Gerade die jungen Priester … fragen sich angesichts dieses akuter werdenden Priestermangels, wie diese Lebensprobleme der Kirche und ihres eigenen Amtes in einigen Jahren noch gemeistert werden können. Für sie genügt der ideale Blick nach rückwärts nicht.“

Ratzinger und Kollegen machten sich auch Sorgen um die Qualität des Priesternachwuchses: Wer seinem Bischof versichere, er habe mit dem Zölibat keine Schwierigkeiten, habe seine Eignung noch längst nicht bewiesen. Vielmehr hätten sie, die unterzeichneten Professoren, „sehr oft den Eindruck, dass die jetzige Regelung bei uns in einem nicht unerheblichen Ausmaß nicht bloß zu einer Schrumpfung der Zahl der Priesteramtskandidaten, sondern auch zu einer Senkung der Begabung“ der noch zur Verfügung stehenden Priester führe. Wenn genügend Jungpriester nicht zu gewinnen seien, „dann hat die Kirche einfach die Pflicht, eine gewisse Modifizierung vorzunehmen“.

Und womit können wir rechnen?

Angesichts der römischen Unbeweglichkeit, die in absehbarer Zeit keine Aussicht auf Änderung bietet, wird es darauf ankommen, im Rahmen der eigenen Gemeinden selbstverantwortlich zu werden. Wünschenswert wäre, wenn Erzbischof Becker und das Paderborner Generalvikariat das Gespräch über die Situation mit allen, die hier mitdenken und sich engagieren wollen, führen würden – in Gremien, auf Firmreisen, in den vorhandenen Publikationsorganen des Erzbistums – und natürlich darüber hinaus mit Klerus und Volk. Hier gilt nicht die geschlossene Tür, denn was die Existenzfragen der Gemeinden betrifft, ist auch öffentlich ins Bewusstsein zu bringen und öffentlich zu bearbeiten.

Zu bedenken ist, dass noch genügend Menschen da sind, die bereit und fähig sind, sich kirchlich zu engagieren. Wenn diese Bereitschaft nicht abgerufen wird, suchen sich gerade die Fähigsten andere Einsatzfelder. Ob es im nächsten oder gar übernächsten Jahrzehnt dieselbe Bereitschaft noch geben wird, lässt sich kaum optimistisch beantworten. Das jetzt noch gegebene Zeitfenster wird zunehmend kleiner und in einer durchaus voraussehbaren Zeit wird geschlossen sein.

Es es hat allerdings einigen Signalwert, dass es die Zeitschrift des Sauerländer Heimatbundes ist, die dieses akute Thema behandelt – kein kirchliches Organ. Welche Bedenken oder Ängste verhindern, die hier ausgebreitete Problemstellung in alle Gemeinden und auf den Markt zu tragen? Es gilt doch, möglichst viele zu beteiligen. Gewiss mag es mehr zu bedenken geben, als hier gesagt wurde, doch sollte das dann auch auf den Tisch. Es wäre schön, wenn eine Paderborner Antwort uns sagen würde, dass man unsere Überlegungen teilt – und sei es mit ganz anderen Antworten. In jedem Fall wird die nächste Generation, die diese Zeitschrift einmal redigieren wird, darüber befinden, wie viel Realitätssinn mit den vorliegenden Urteilen verbunden war.